Russisch Brot (mit Veranstaltungshinweis)

Zwei spannende Möglichkeiten, kostenlos an Russisch Brot, diese spaßige Gebäckspezialität mit den Buchstaben, zu kommen: Man kann versuchen, es der zweieinhalbjährigen Tochter einer Freundin durch Schmeicheleien oder auch schlichten Mundraub zu entwenden (viel schwerer, als man denkt, habe ich kürzlich erst probiert) – oder man kann morgen bei “8 Minuten Eimsbüttel”, einem Poetry-Slam teilnehmen, wo es Russisch Brot als Siegesprämie gibt. Herr Paulsen und ich versuchen morgen die zweite Möglichkeit (die irgendwie auch nicht wie eine richtig einfache Option klingt).

Siehe auch: Ankündigungstext von Herrn Paulsen.

8 Min. Eimsbüttel
Javahouse
Osterstr. 4, 20259 Hamburg.
Freitag, 29. September 2006
Beginn: 20.00 Uhr
Eintritt frei

Vorbereitung ist alles

Als ich gestern vom Büro nach Hause kam, standen zwei junge Männer vor unserer Haustür und unterhielten sich. Als ich auf sie zuging, merkte ich, daß es eine ziemlich bewegte Unterhaltung sein mußte, so heftig gestikulierten die beiden herum. Einer der beiden hatte ein Fahrrad dabei und schlug gelegentlich mit der Faust auf den Lenker. Als ich nahe genug war, sagte er gerade mit einer Stimme, die deutlich nach Tränen klang, den wenig originellen Satz: „Ich kann so einfach nicht leben!“, wobei er wieder auf den Lenker einhämmerte, dem Rhythmus der Silben folgend.

Sein Freund schüttelte nur den Kopf, sah ihn nachdenklich an und sagte: „Nein nein, viel zuviel. Das glaubt sie dir niemals.“

Das pralle Leben

Kuehlungsborn

Zwischen meinem zwölften und zwanzigsten Lebensjahr wohnte ich in Travemünde, einem Vorort von Lübeck an der Ostseeküste. Meine Eltern hatten sich, wie es viele gutverdienende Menschen aus Lübeck oder Hamburg in den frühen Achtzigern getan haben, dort eine Wochenendwohnung gekauft. Das hatte weniger mit der Liebe zum Meer, als vielmehr mit sogenannten Steuersparmodellen zu tun, aber das sagte mir als Kind natürlich nichts. Alle Menschen wollten sowieso immer am Meer sein, dachte ich damals.

Unsere Wohnung war in einem Gebäude, daß “Strandresidenz” hieß, es hatte vier Stockwerke und fünfundsiebzig Wohneinheiten, die alle recht winzig waren. Wie die meisten dieser großen Wochenendbauten war die Residenz etwas merkwürdig geformt, damit alle Balkone möglichst viel Sonne abbekamen und einige sehr teure Wohnungen in der obersten Etage gerade eben noch etwas kostbaren Seeblick hatten, knapp über die Nachbarhäuser hinweg. Wenn man diese Gebäude heute sieht, hält man sie nur für allmählich verfallende, deutlich überdimensionierte Bausünden, damals galt es aber geradezu als feudal, sich am Wochenende für ein paar Stunden mit der ganzen Familie auf den doch immerhin meernahen Balkon drängen zu können. Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich zwölf Jahre alt war und meine Mutter und ich bezogen daraufhin diese Wochenendwohung als dauerhafte Bleibe.

An den Wochenenden im Sommer war das Haus belebt von zahlreichen Familien mit Kindern, die am Abend lärmend vom Strand zurückkamen und auf dem Rasen vor dem Haus weiterspielten. Es roch dann im Treppenhaus und aus jeder Wohnung nach Sonnenöl und auf den dunklen Teppichen der langen Flure waren überall feine, helle Spuren von Sand und zertretenen Muscheln. Aus einigen Apartments hörte man Säuglinge schreien, gelegentlich hingen vergessene Badehandtücher über dem Treppengeländer, das Haus roch und klang ganz wie ein weitläufiges Hotel am Meer. Es war aber sehr merkwürdig, während der Woche durchgehend dort zu wohnen, denn spätestens am Montagmorgen leerte sich das ganze Haus. Die Wochenendgäste fuhren alle zurück nach Lübeck oder Hamburg, um wieder ihrer Arbeit nachzugehen. Wenn nicht gerade Ferienzeit war, gab es ganze Wochen, in denen abends nur bei uns Licht brannte, alle anderen Wohnungen standen leer und blieben dunkel. Das verlassene Gebäude war gespenstisch ruhig um uns herum. In der Tiefgarage des Hauses, gebaut für fünfundsiebzig Autos, stand unter der Woche meist nur unser R4, daneben mein Fahrrad und weiter hinten ein abgemeldetes Cabrio ohne Vorderreifen. Es war mein größtes tägliches Grauen, dort morgens hallenden Schrittes vom Fahrstuhl zu unserem Stellplatz zu gehen, wo doch sicher hinter jeder der Betonsäulen der riesigen, leeren Garage fernsehkrimimäßige Unholde lauerten.

Im Laufe der Jahre zogen erst nach und nach noch andere Parteien dauerhaft in die Residenz ein, Rentner zumeist, die ihren Ruhestand am Meer verbringen wollten. Unsere Nachbarwohnung gehörte auch so einem Paar. Hilde und Hans hießen die Eigentümer, sie kamen aus Hamburg, wo sie einen Handwerksbetrieb hatten und gemeinsam führten. Einen Betrieb, der ganz außerordentlich gut lief sogar. Beide waren etwa Anfang sechzig und sie hatten es geschafft. Sie hatten Geld, viel Geld und sie legten auch Wert darauf, die entsprechenden Statussymbole zu zeigen. Teure Anzüge, Pelzmäntel, Schmuck, immer der jeweils neueste Mercedes. Begleitet wurden sie von einem würdevollen und steifbeinigen Pudel in feinem Silbergrau, der im Winter und bei kühlem Regenwetter ebenfalls teure Mäntelchen tragen mußte.

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Leck mich

Leckmuscheln

Ich hatte vor einiger Zeit eine Diskussion mit meiner Freundin Birgit, bei der wir uns nicht recht einig werden konnten. Wir beide neigen dazu, uns stundenlang tiefschürfend in sehr ernsten Themen zu verlieren, und an diesem Abend ging es um Leckmuscheln. Die Leckmuschel ist natürlich ein Bestandteil jeder gepflegten Kindheitserinnerung und da Birgit und ich gleich alt sind, gingen wir auch davon aus, uns an vergleichbare Produkte zu erinnern. Ich bestand nun darauf, daß es damals Leckmuscheln nur in roter und grüner Farbe gab, sie meinte, sich deutlich an eine dritte Farbe zu erinnern: Braun.

Braune Leckmuscheln? Mit Colageschmack? Nicht in meiner Kindheit, soviel steht fest. Man hat ja auch einen gewissen Stolz, was die Richtigkeit der Erinnerung an Kindheitssüßigkeiten angeht und so stand Meinung gegen Meinung und wir beendeten den Abend bedauerlicherweise ohne Einigkeit erzielen zu können. Kurz darauf brachte sie mir aber, siehe Bild, den Beweis vorbei.

Wie kann so etwas nun sein? Meine Erinnerung trügt mich natürlich nicht, soviel steht fest, das Bild lügt aber auch nicht. Eine logische Erklärung bietet allein die Biologie: Ich gehe davon aus, daß es diese dritte Variante in meiner Gegend einfach nicht gab, denn am Ende ist es natürlich wie bei allen anderen Muscheln auch: Nicht jede Art kommt überall vor. Ich komme von der Küste, Birgit aus dem westfälischen Binnenland, Salzwasser, Süßwasser, verschiedene Lebensräume, es wird natürlich etwas damit zu tun haben. Vielleicht gedeiht die braune Leckmuschel nur in einigen wenigen Zuflüssen der Weser, während die roten und grünen Arten dank robusterer Veranlagung fast überall vorkommen. Manchmal hilft eine gute Allgemeinbildung, gerade auch in den Naturwissenschaften, doch entscheidend weiter, wenn es gilt, das Weltbild zu retten.

Gerüchtehalber habe ich gerade sogar von einer vierten Farbe gehört, ich weiß leider nicht, um welche es sich handeln soll, in Hamburg scheint es sie nicht zu geben. Vielleicht kommt sie ja in Süddeutschland, Österreich oder der Schweiz vor, etwa an stillen Bergseen?

Rollenspiele

Wir haben im Freundeskreis einige unverheiratete Paare, die seit Jahren zusammen sind, in einer gemeinsamen Wohnung leben und ganz offensichtlich auch zusammenbleiben wollen. Das ist selbstverständlich normal und in Ordnung, aber es ist auch naheliegend, daß Gespräche gelegentlich bei dem Punkt landen, ob man nicht doch vielleicht den offiziellen Schritt gehen könnte. Eine der Standardantworten von Frauen auf die Frage, warum sie auch nach etlichen Jahren nicht heiraten würden, scheint ganz erstaunlicherweise “Er fragt mich einfach nicht” zu sein. Worauf der Mann dann antworten kann, daß Fragen im Sinne eines Heiratsantrages ja wohl so was von retro und kitschig sei, daß es einfach nicht in Frage käme und überhaupt könnte die Frau ja auch selber fragen, heutzutage. Letzteres kann die potentielle Braut dann wieder pikiert ablehnen, denn bei aller Modernität im Rollenverständnis soll der jederzeit zuschaltbare Romantikmodus natürlich dennoch erhalten bleiben. Und wenn man genau zuhört, merkt man, daß es zwar spaßige Antworten sein sollen, das Thema Heiratsantrag aber auch heute noch gewaltig aufgeladen ist und ganz leicht in ernste Auseinandersetzungen über gegenseitige Erwartungen kippen kann.

Jetzt habe ich im Gespräch mit einer Freundin eine andere Variante dieser Antwort gehört, die geradezu vorbildlich die klassischen Rollenbilder und die erfolgreichen Emanzipationsbestrebungen der letzten Jahrzehnte logisch und selbstverständlich verbindet. Die Dame sagte, ganz ohne es als Scherz zu meinen:

“Wir können nicht heiraten. Ich habe ihn doch noch gar nicht gefragt, ob er mich nicht mal fragen möchte”.

Das, scheint mir, sollte den neuen Standard bilden.