Leck mich

Leckmuscheln

Ich hatte vor einiger Zeit eine Diskussion mit meiner Freundin Birgit, bei der wir uns nicht recht einig werden konnten. Wir beide neigen dazu, uns stundenlang tiefschürfend in sehr ernsten Themen zu verlieren, und an diesem Abend ging es um Leckmuscheln. Die Leckmuschel ist natürlich ein Bestandteil jeder gepflegten Kindheitserinnerung und da Birgit und ich gleich alt sind, gingen wir auch davon aus, uns an vergleichbare Produkte zu erinnern. Ich bestand nun darauf, daß es damals Leckmuscheln nur in roter und grüner Farbe gab, sie meinte, sich deutlich an eine dritte Farbe zu erinnern: Braun.

Braune Leckmuscheln? Mit Colageschmack? Nicht in meiner Kindheit, soviel steht fest. Man hat ja auch einen gewissen Stolz, was die Richtigkeit der Erinnerung an Kindheitssüßigkeiten angeht und so stand Meinung gegen Meinung und wir beendeten den Abend bedauerlicherweise ohne Einigkeit erzielen zu können. Kurz darauf brachte sie mir aber, siehe Bild, den Beweis vorbei.

Wie kann so etwas nun sein? Meine Erinnerung trügt mich natürlich nicht, soviel steht fest, das Bild lügt aber auch nicht. Eine logische Erklärung bietet allein die Biologie: Ich gehe davon aus, daß es diese dritte Variante in meiner Gegend einfach nicht gab, denn am Ende ist es natürlich wie bei allen anderen Muscheln auch: Nicht jede Art kommt überall vor. Ich komme von der Küste, Birgit aus dem westfälischen Binnenland, Salzwasser, Süßwasser, verschiedene Lebensräume, es wird natürlich etwas damit zu tun haben. Vielleicht gedeiht die braune Leckmuschel nur in einigen wenigen Zuflüssen der Weser, während die roten und grünen Arten dank robusterer Veranlagung fast überall vorkommen. Manchmal hilft eine gute Allgemeinbildung, gerade auch in den Naturwissenschaften, doch entscheidend weiter, wenn es gilt, das Weltbild zu retten.

Gerüchtehalber habe ich gerade sogar von einer vierten Farbe gehört, ich weiß leider nicht, um welche es sich handeln soll, in Hamburg scheint es sie nicht zu geben. Vielleicht kommt sie ja in Süddeutschland, Österreich oder der Schweiz vor, etwa an stillen Bergseen?

Rollenspiele

Wir haben im Freundeskreis einige unverheiratete Paare, die seit Jahren zusammen sind, in einer gemeinsamen Wohnung leben und ganz offensichtlich auch zusammenbleiben wollen. Das ist selbstverständlich normal und in Ordnung, aber es ist auch naheliegend, daß Gespräche gelegentlich bei dem Punkt landen, ob man nicht doch vielleicht den offiziellen Schritt gehen könnte. Eine der Standardantworten von Frauen auf die Frage, warum sie auch nach etlichen Jahren nicht heiraten würden, scheint ganz erstaunlicherweise “Er fragt mich einfach nicht” zu sein. Worauf der Mann dann antworten kann, daß Fragen im Sinne eines Heiratsantrages ja wohl so was von retro und kitschig sei, daß es einfach nicht in Frage käme und überhaupt könnte die Frau ja auch selber fragen, heutzutage. Letzteres kann die potentielle Braut dann wieder pikiert ablehnen, denn bei aller Modernität im Rollenverständnis soll der jederzeit zuschaltbare Romantikmodus natürlich dennoch erhalten bleiben. Und wenn man genau zuhört, merkt man, daß es zwar spaßige Antworten sein sollen, das Thema Heiratsantrag aber auch heute noch gewaltig aufgeladen ist und ganz leicht in ernste Auseinandersetzungen über gegenseitige Erwartungen kippen kann.

Jetzt habe ich im Gespräch mit einer Freundin eine andere Variante dieser Antwort gehört, die geradezu vorbildlich die klassischen Rollenbilder und die erfolgreichen Emanzipationsbestrebungen der letzten Jahrzehnte logisch und selbstverständlich verbindet. Die Dame sagte, ganz ohne es als Scherz zu meinen:

“Wir können nicht heiraten. Ich habe ihn doch noch gar nicht gefragt, ob er mich nicht mal fragen möchte”.

Das, scheint mir, sollte den neuen Standard bilden.