Das pralle Leben

Kuehlungsborn

Zwischen meinem zwölften und zwanzigsten Lebensjahr wohnte ich in Travemünde, einem Vorort von Lübeck an der Ostseeküste. Meine Eltern hatten sich, wie es viele gutverdienende Menschen aus Lübeck oder Hamburg in den frühen Achtzigern getan haben, dort eine Wochenendwohnung gekauft. Das hatte weniger mit der Liebe zum Meer, als vielmehr mit sogenannten Steuersparmodellen zu tun, aber das sagte mir als Kind natürlich nichts. Alle Menschen wollten sowieso immer am Meer sein, dachte ich damals.

Unsere Wohnung war in einem Gebäude, daß “Strandresidenz” hieß, es hatte vier Stockwerke und fünfundsiebzig Wohneinheiten, die alle recht winzig waren. Wie die meisten dieser großen Wochenendbauten war die Residenz etwas merkwürdig geformt, damit alle Balkone möglichst viel Sonne abbekamen und einige sehr teure Wohnungen in der obersten Etage gerade eben noch etwas kostbaren Seeblick hatten, knapp über die Nachbarhäuser hinweg. Wenn man diese Gebäude heute sieht, hält man sie nur für allmählich verfallende, deutlich überdimensionierte Bausünden, damals galt es aber geradezu als feudal, sich am Wochenende für ein paar Stunden mit der ganzen Familie auf den doch immerhin meernahen Balkon drängen zu können. Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich zwölf Jahre alt war und meine Mutter und ich bezogen daraufhin diese Wochenendwohung als dauerhafte Bleibe.

An den Wochenenden im Sommer war das Haus belebt von zahlreichen Familien mit Kindern, die am Abend lärmend vom Strand zurückkamen und auf dem Rasen vor dem Haus weiterspielten. Es roch dann im Treppenhaus und aus jeder Wohnung nach Sonnenöl und auf den dunklen Teppichen der langen Flure waren überall feine, helle Spuren von Sand und zertretenen Muscheln. Aus einigen Apartments hörte man Säuglinge schreien, gelegentlich hingen vergessene Badehandtücher über dem Treppengeländer, das Haus roch und klang ganz wie ein weitläufiges Hotel am Meer. Es war aber sehr merkwürdig, während der Woche durchgehend dort zu wohnen, denn spätestens am Montagmorgen leerte sich das ganze Haus. Die Wochenendgäste fuhren alle zurück nach Lübeck oder Hamburg, um wieder ihrer Arbeit nachzugehen. Wenn nicht gerade Ferienzeit war, gab es ganze Wochen, in denen abends nur bei uns Licht brannte, alle anderen Wohnungen standen leer und blieben dunkel. Das verlassene Gebäude war gespenstisch ruhig um uns herum. In der Tiefgarage des Hauses, gebaut für fünfundsiebzig Autos, stand unter der Woche meist nur unser R4, daneben mein Fahrrad und weiter hinten ein abgemeldetes Cabrio ohne Vorderreifen. Es war mein größtes tägliches Grauen, dort morgens hallenden Schrittes vom Fahrstuhl zu unserem Stellplatz zu gehen, wo doch sicher hinter jeder der Betonsäulen der riesigen, leeren Garage fernsehkrimimäßige Unholde lauerten.

Im Laufe der Jahre zogen erst nach und nach noch andere Parteien dauerhaft in die Residenz ein, Rentner zumeist, die ihren Ruhestand am Meer verbringen wollten. Unsere Nachbarwohnung gehörte auch so einem Paar. Hilde und Hans hießen die Eigentümer, sie kamen aus Hamburg, wo sie einen Handwerksbetrieb hatten und gemeinsam führten. Einen Betrieb, der ganz außerordentlich gut lief sogar. Beide waren etwa Anfang sechzig und sie hatten es geschafft. Sie hatten Geld, viel Geld und sie legten auch Wert darauf, die entsprechenden Statussymbole zu zeigen. Teure Anzüge, Pelzmäntel, Schmuck, immer der jeweils neueste Mercedes. Begleitet wurden sie von einem würdevollen und steifbeinigen Pudel in feinem Silbergrau, der im Winter und bei kühlem Regenwetter ebenfalls teure Mäntelchen tragen mußte.

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