Das Riesenschaf

Als ich Kind war, gab es noch richtige Hausmeister. Das waren damals Menschen, keine Firmen, wie es heute allgemein üblich ist. In jedem großen Apartmentbau in Travemünde gab es einen festangestellten Hausmeister, seltener auch eine Hausmeisterin. Menschen in grauen Kitteln waren das, die unentwegt mit Harke oder Besen in den Vorgärten und auf den Zufahrten beschäftigt waren, die Rasen mähten, Unkraut jäteten und Umzäunungen neu strichen. Wenn die Bewohner dieser Apartments etwa einen tropfenden Wasserhahn im Bad hatten, mußten sie nur vom Balkon hinuntersehen, wo der Hausmeister gerade war, sie konnten ihn dann eben bitten, sich die Sache mal schnell anzusehen und für fünf Mark Trinkgeld tropfte da in wenigen Minuten nichts mehr. Ältere Damen ließen auch Glühbirnen auswechseln oder sich täglich die Einkäufe nach oben tragen. Neuen Bewohnern half der Hausmeister natürlich schon beim Einzug und es kam nicht so leicht vor, daß vor den Apartmentbauten die Autos anderer Handwerker hielten, denn die Graukittel ließen sich nichts abnehmen, keine Reparaturen und keine Trinkgelder. Sie konnten alles und sie machten alles.

Die Hausmeister waren Menschen, auf die man sehr gut aufpassen mußte, denn sie waren unter anderem auch dazu da, uns Kinder aus den Gärten oder von privaten Spielplätzen zu vertreiben. Sie waren dazu da, uns davon abzuhalten, Kellerverschläge aus Neugier aufzubrechen und auch, zu verhindern, daß wir automatische Garagentore fünfhundertmal nacheinander auf- und zumachten, nur weil wir wissen wollten, ob der Mechanismus so etwas aushielt. Sie hatten etwas dagegen, daß wir Fußbälle gegen die breiten Rolltore der Tiefgaragen schossen, weil wir das Scheppern so phantastisch fanden, und sie verstanden einfach nicht, daß unsere besten Abkürzungen immer über ihre frisch geharkten Zierbeete führten.

Es gab sehr gefährliche Exemplare von Hausmeistern, die mit Steinen nach vorbeistürmenden Kindern warfen oder uns Gartengerät hinterherschleuderten, aber es gab aber auch Ältere, denen man sehr leicht und lachend entkommen konnte – und es gab den ganz und gar harmlosen Hausmeister der Strandresidenz. Obwohl er ein Hüne von Mann war, dem seine langen Arme bis auf die Knie zu hängen schienen, ging von ihm nie Gefahr für uns aus, er war die gute Laune in Person, kinderlieb und immer freundlich. Er war geistig behindert, weswegen es leider weniger Spaß machte, ihn zu ärgern, wir hatten da einen gewissen Sinn für Fairneß. Wir liefen nicht über seine geharkten Beete, wenn er daneben stand, obwohl es ihn wohl gar nicht gestört hätte. Es wäre zu einfach gewesen.

Er war nicht sehr gut in Gesprächen. Wenn einer der Bewohner etwas von ihm wollte und ein Problem schilderte, guckte er hilflos und wie bedroht durch all die auf ihn einstürmenden Worte, bis sein Gegenüber eine Pause machte und er endlich vorschlagen konnte: “Angucken!”. Hatte er das Problem in der Wohnung erst einmal gesehen, den defekten Herd, den verstopften Abfluß, die klemmende Balkontür, wußte er auch sofort, was zu tun war. Er mußte sich mit seinen Kenntnissen keineswegs hinter anderen Handwerkern verstecken, er konnte eben nur nicht darüber reden. Er war daher auch bescheiden, denn er hätte höhere Trinkgeldforderungen gar nicht formulieren können. Nicht zuletzt deswegen war er, als er seine Arbeit in der Strandresidenz begann, bei den Bewohnern zunächst sehr beliebt. Er wäre es auch geblieben, wäre nicht die Sache mit dem Riesenschaf gewesen.

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