Die Liebhaber meiner Mutter (2): Einar

Unsere Nachbarin Hilde war mit über sechzig Jahren lange darüber hinaus, noch wirklich spannende Männergeschichten zu erleben, wie sie selber sagte. Um so lebhafter nahm sie dafür Anteil an den Affären meiner Mutter. Sie hatte von ihrem Balkon aus den Eingangsbereich der Strandresidenz jederzeit im Blick und wenn zu uns jemand zu Besuch kam, den sie noch nicht kannte, dauerte es nie lange, bis sie an unserer Tür klingelte, um mal vorbeizusehen. “Nur mal so”, wie sie beim Hereinkommen an der Tür murmelte, ohne abzuwarten, ob wir sie hereinbitten würden. Für meine Mutter und mich war Hilde längst zu einem Familienmitglied geworden, einem sehr merkwürdigen zwar, aber – sie war eben da. Andere hatten vielleicht einen wunderlichen Onkel, einen verschrobenen Großvater oder eine giftige Schwiegermutter, die man als Gast des Hauses früher oder später kennenlernte, wir hatten Hilde. Für Menschen, die uns zum ersten Mal besuchten, muß das sehr merkwürdig gewesen sein, diese offensichtlich stark angetrunkene, rundliche alte Dame in betont munterer Stimmung zu erleben, die mit kaum verhohlener Neugier versuchte, in möglichst kurzer Zeit alles über den neuen Gast zu erfahren. Er saß in einem Hagel von Fragen nach beruflicher Tätigkeit, nach privaten Verhältnissen, Lebensgeschichte und Vermögen und mußte auch zur Kenntnis nehmen, daß alle Antworten ohne das geringste Zögern scharfzüngig bewertet wurden, denn es gab gute und schlechte Berufe (“Haben sie außer dem Unsinn noch etwas anderes studiert?) und gute und schlechte Verhältnisse (“Schicker Wagen da draußen, ist das wirklich ihrer? Nicht vielleicht von Papa?”).

Hilde hatte im Laufe ihrer Alkoholkarriere längst vergessen, daß sich nicht alle Menschen so schnell betranken wie sie, weswegen es zu einem seltsamen Mißverhältnis zwischen ihr und der Umwelt kam. Sie unterstellte nämlich, wenn sie genug getrunken hatte, um ordentlich in Stimmung zu sein, daß es allen anderen auch so gehen müsse, was natürlich keineswegs immer und bei jedem der Fall war. Sie vergaß auch, daß sie zu früher Nachmittagsstunde in der Regel einen beträchtlichen Promillevorsprung vor den meisten anderen Menschen hatte, die eher sehr viel später oder auch gar nicht zu trinken anfingen. So kam es, daß sie bis dahin gänzlich fremden Menschen, die sie um fünf Uhr nachmittags bei uns kennengelernt hatte, schon um sechs in nur vermeintlich gemeinsamer Weinseligkeit das Brüderschaftstrinken aufzwang, nicht ohne dabei die notwendigen Küsse reichlich auszukosten. Danach pflegte sie, einen Arm um die Schulter des neuen Freundes gelegt, noch ein Stündchen zu bleiben und die gemeinsame Gemütlichkeit zu genießen, wobei wir aber darauf bauen konnten, daß sie sehr früh ins Bett gehen würde. Und richtig erhob sie sich schwankend gegen acht, um sich in die Nachbarwohnung zurückzuziehen, nicht ohne noch beim Hinausgehen mit einem letzten langen Blick auf den aktuellen Kandidaten und erhobenem Zeigefinger ihren abschließenden Befund meiner Mutter deutlich hörbar zuzuflüstern.

(mehr …)