Die Liebhaber meiner Mutter (3): Orlando

Manche Menschen begleiten einen jahrelang, man kennt sie durch den Wechsel der Jahreszeiten, durch verschiedene Moden und viele Geschichten, man hat gemeinsam andere Freunde kommen und gehen sehen, man hat zusammen Reisen gemacht, Abende und Abende verbracht, es stehen ganze Fotoalben voller vergilbter Gemeinsamkeiten im Schrank – und doch sieht man immer nur ein einziges Bild, wenn man an diesen einen Menschen zurückdenkt. Ein Bild, das als Symbol Bestand hat und das so markant ist, daß es sogar all die anderen Geschichten, die es doch wirklich gab, längst ganz verdrängt hat. Eine Erinnerung, in der alles von diesem Menschen ist.

Ein sonniger Morgen in Travemünde, es ist hochsommerlich heiß, blendend hell und es geht nur ein ganz leichter, freundlicher Wind, in dem ein paar Möwen lässig schaukeln. Der Himmel ist so strandglückverheißend blau, wie er es nur in den Sommerferien sein kann und die Farben der Häuserwände und Dächer leuchten so klar, wie sie nur an einem Morgen am Meer leuchten können, wenn es ein langer, herrlicher Sonnentag wird. Ein Tag, der einem dann am Abend, wenn man vom vielen Schwimmen selig müde im Bett liegt, vorkommen wird wie ein Rausch aus Licht, Hitze und salziger Luft. In dem Apartmenthaus “Strandresidenz” ist am Morgen schon Leben, denn die Gastfamilien mit kleinen Kindern zieht es sehr früh zum Meer. Türen klappen, Dreiräder poltern gegen Wände und Blumenkästen in der Eingangshalle, Menschen stolpern fluchend und lärmend über verstreutes Spielzeug auf den Fluren, Kinder lachen aufgeregt und schrill im Treppenhaus, es geht zum Strand, zum großen Kinderglück. Sie haben es eilig, die Kinder, sie ziehen Mütter und Väter ungeduldig, quengelnd und energisch an den Händen voran, sie wollen keine Minute mehr verschenken, sie wollen jetzt sofort Burgen bauen und baden, über Sand rennen, Muscheln suchen und angespülte Quallen untersuchen. Eine Familienkarawane nach der anderen zieht so aus dem Haus, hinunter zu den Strandkorbvermietungen oder auf die große Liegewiese vor der Badeanstalt Möwenstein. Mütter schreien laut Namen, kaum daß sie das Haus verlassen haben, damit die tobenden Kinder nicht achtlos und in blinder Begeisterung auf die Straße laufen, die zum Meer führt.

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Unter Verdacht

Die Herzdame rief mich an und teilte mir mit, daß sie bei der morgendlichen Suche nach Halsschmerztabletten alle meine Anzüge, Mäntel, Jacken, Taschen und Aktenkoffer durchwühlt hätte. Nach diesem Satz machte sie eine kleine Pause.

Es ist ganz erstaunlich, wie intensiv und schnell man in einer nur kurzen Satzpause überlegen kann, ob wohl auf diese Art irgend etwas zu finden sein könnte, was in der einen oder anderen Weise als belastendes oder auch nur mißverständliches Material auszulegen wäre. Nur die Dauer eines halben Atemzuges, um die letzten Wochen und deren mögliche Relikte in meinen Taschen Revue passieren zu lassen, ein sehr interessantes Gedankenexperiment, bei dem man viel über sich lernen kann. Hätte ich mir etwas vorzuwerfen gehabt, hätte ich wahrscheinlich noch vor den nächsten Worten der Herzdame ein Geständnis abgelegt, daher ist diese Methode für Menschen, die ihrem Partner mißtrauen, unbedingt zu empfehlen. Einfach mal anrufen und bedeutungsschwanger sagen: „Ich habe da etwas gefunden…“. Ganz einfach. Der Partner ergibt sich sofort.

Die Herzdame fuhr dann zwar nur mit der empörten Feststellung fort, daß sie bei der Suche keinerlei nützliche Medikamente gefunden hätte, aber ob sie mir mittlerweile glaubt, daß mein vorher spontan geäußertes „Ich kann alles erklären“ selbstverständlich scherzhaft gemeint war – ich weiß nicht recht. Humor ist auch nicht immer hilfreich.