Ein Herrengedeck für Canaris

In meiner Kindheit habe ich, nachdem meine Mutter und ich nach Travemünde gezogen sind, ganze Sommer am Strand verbracht. Jede Minute, die ich nicht zwingend der Schule, den Hausaufgaben oder dem Schlafen opfern mußte, war ich draußen, am Meer. Mir war der Gedanke vollkommen unerträglich, in der kleinen Wohnung zu sein, während draußen doch immer der Strand wartete. Meine Mutter und ich saßen stundenlang im Strandkorb, den wir für die ganze Saison gemietet hatten, sahen den vorbeifahrenden Fährschiffen weit draußen oder den Badegästen in der Brandung vor uns zu und genossen es, wie das Meer allmählich für uns zu einem Bestandteil des Alltags wurde. Wir brachen erst bei Sonnenuntergang wieder auf, wenn es kühler wurde und wir Hunger bekamen. Da wir beide nicht gern nach Hause wollten, aßen wir abends oft in einem der Imbisse an der Promenade. In diesen kleinen Buden war man dann wenigstens noch etwas in der herrlichen Strandstimmung, auch wenn man ja eigentlich doch schon wieder drinnen war und der Tag leider zu Ende ging. Man konnte vom Imbiß aus immerhin das Meer noch sehen, von unserer Wohnung aus nicht. Solange man aber das Meer wenigstens sehen konnte, war es noch ein besonderer Tag, ein ferienhafter Sommerstrandtag, wenn man jedoch um die Ecke bog und an dem Allerweltspark vorbei ging, der überall hätte sein können, war es für mich schon nur noch irgendein Tag. Der Imbiß bei uns um die Ecke wurde daher unser zweites Wohnzimmer, und natürlich ging es auch anderen so. Daher traf man, abgesehen von den Touristen, deren Gesichter man sich nie merken konnte, immer dieselben Leute aus Travemünde, die sich dort abends Schnitzel mit Pommes bestellten und ein Bier oder einen Kaffee tranken. Es gab einen besonderen Stammtisch für die Einheimischen und ich war nicht wenig stolz darauf, schon bald in dieser speziellen Ecke des Raumes sitzen zu dürfen, wo man besonders zuvorkommend bedient wurde und wo die Schnitzel erheblich größer waren als vorne, an den anderen Tischen, wo die Touristen aus dem Ruhrgebiet saßen.

(mehr …)