Der Tod des Inders (mit Fortsetzung)

In der Straße, in der ich als Kind in Travemünde lebte, standen auf der einen Seite, zur See hin, die großen, balkonstarrenden Burgen der Apartmentbauten, auf der anderen Seite nur einzelne, kleine, würfelförmige Bungalows, die alle weiß gestrichen waren. Sie sahen aus, als hätte man entlang der Straße große, schmucklose Schachteln aufgereiht, alle im gleichen Abstand zueinander und natürlich auch zum Bürgersteig. Die Bungalows unterschieden sich nur durch Details voneinander, die sich nach und nach durch die Besonderheiten der Bewohner ergeben hatten. Bei dem einen waren die Buchsbaumhecken vor dem Haus kunstvoll zu Ornamenten geschnitten worden, bei dem nächsten war eine ständig rostende Eisenhalterung in eine Außenwand geschraubt worden, in der ein kleines Ruderboot hing. Hier gab es ein mit Knöterich fast ganz zugewachsenes Carport und dort waren die Fensterrahmen nicht mehr aus schwarzem Holz, wie bei den Nachbarn, sondern glänzten modern und metallisch. Vor dem einen Haus war fast immer ein lethargischer Collie angebunden, vor einem anderen lag buntes Spielzeug von gleich drei Kindern zusammengeworfen auf dem Rasen im Garten. Man gewöhnt sich in solchen Straßen schnell an, diese kleinen Unterschiede zu beachten, wenn man dort entlanggeht, man orientiert sich daran, ohne es recht zu merken.

In dem Bungalow mit dem vielen Spielzeug auf dem Rasen wohnte auch ein Adoptivkind aus Indien. Der indische Junge war einige Jahre älter war als ich, daher hatten wir keinen näheren Kontakt, obwohl wir uns dauernd sahen, etwa im Bus, der uns morgens zur Schule nach Lübeck fuhr. Ich wußte wenig über die Geschichte seiner Adoption, aber allgemein bekannt war immerhin, daß er schon als Baby in die deutsche Familie gekommen war. Er war von den neuen Eltern auf den denkbar langweiligen Namen Frank getauft worden, was wir anderen Kinder sehr enttäuschend fanden, weil es so gar nicht nach Tiger von Eschnapur, Sandokan oder ähnlich spannenden Möglichkeiten klang. Ein wenig mehr im Namen mitschwingendes Geheimnis hätten wir uns schon gewünscht. Es gab auch verwirrenderweise noch zwei weitere Jungs mit dem Namen Frank in unserer Gegend, daher nannten wir den Inder, zumindest wenn er nicht dabei war, in kameradschaftlicher Abkürzung seines Traumtitels einfach nur Eschnapur.

Eschnapur war ein gut aussehender Junge, er sah allerdings nach einem Wort aus, das man unter uns Kindern nicht gerade gerne hörte, er wirkte “artig”. Er lächelte wenn man ihn traf, war stets freundlich und schien ganz eindeutig ein wirklich angenehmer Mensch zu sein, ganz bestimmt jedenfalls aus der Sicht eines Erwachsenen. Da er bei unseren eher wilderen Spielen niemals mitmachte und auch noch ein Spitzenschüler in allen Fächern war, galt er als etwas sonderlich. Wir billigten ihm jedoch wegen seines ungewöhnlichen familiären Hintergrundes großzügig besondere Verhaltensweisen zu. Ein Adoptivkind aus dem Orient zu sein erschien uns als eine so unvorstellbar märchenhafte Angelegenheit, daß wir eine gewisse Scheu hatten, mit ihm normal umzugehen und die üblichen Maßstäbe anzulegen. Das war eine empirisch gesicherte Scheu, denn nach allen uns zur Verfügung stehenden Kinder- und Jugendbüchern kamen bei Adoptivkindern immer irgendwann sagenhafte Überraschungen zu ihrer Abstammung heraus, ein gänzlich normales Leben war mit solchen besonderen Startbedingungen auf lange Sicht vollkommen undenkbar. Man würde einfach nur ein paar Jahre warten müssen, dann würde es eines Tages sicher eine spektakuläre Nachricht geben. Er war ein wenig zu beneiden, denn was sich ihm auch immer über seine Herkunft noch irgendwann offenbaren sollte – die Eltern von uns anderen waren mit Sicherheit keine Prinzen oder Maharajas, soviel stand fest, die waren und blieben einfach Travemünder Hals-Nasen-Ohrenärzte, Ingenieure oder Imbißbesitzer, und ein Blick auf die Eltern und in den Spiegel reichte in vielen Fällen aus, um selbst die schaurig faszinierende Möglichkeit, als Kind verwechselt worden zu sein, ganz sicher auszuschließen zu können. Eschnapur war der einzige von uns, der, obwohl er genau wie wir allmählich aus dem Alter für Kindergeschichten herauswuchs, eine reelle Chance behielt, noch in einer als Hauptrolle mitzuspielen. Er hatte immer etwas so Besonderes und Vorbildhaftes, daß man sich im Vergleich mit ihm unwillkürlich schlecht und mittelmäßig fühlte, besonders in der Schule, aber ich habe nicht deswegen versucht, ihn umzubringen. Es ergab sich einfach so.

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