Risiken und Nebenwirkungen: Strickwaren

Strickwaren sind nichts besonders spannend. Sie werden für mich auch nicht spannender, wenn die Herzdame bei einem gemeinsamen Einkaufsbummel darin herumwühlt und gefühlte zwei Stunden damit verbringt, verschiedenfarbige Schals probehalber umzuhängen. Ich habe daher, als sie heute auch nach dem dreißigsten Schal nicht aufhören wollte, die endlos vielen Ständer mit der bunten Ware zu umkreisen, einfach beschlossen, mich gegen die aufkommende Langeweile durch Herumalbern zu wehren. Ich habe ein überwiegend heiteres Naturell, mir liegen daher die eher spaßigen Varianten des Protestes. Ich habe also ein besonders seltsam buntes Exemplar von Damenschal genommen und es mir spaßeshalber ebenso schwungvoll wie exaltiert in divenhafter Geste umgeworfen. Das am Ende des Schals so ein Sicherheitsmagnet sein könnte, den man durch derartig elegantes Umwerfen geradezu gefechtsmäßig beschleunigen kann, habe ich dabei allerdings nicht bedacht. Ich habe mich nur gewundert, wieso die neben mir stehende Herzdame plötzlich an der Stirn blutete und mich sehr seltsam ansah.

Es war, um besorgten Nachfragen vorzubeugen, nicht schlimm, wirklich nicht. Nur eine kleine Schramme. Kein Notarzt, kein Aufstand. Aber doch ein klarer Beweis: Auch mein Humor kann wirklich verletzend sein.

Hundewichteln im Heimatdorf

Natürlich soll hier noch die Aufklärung zu dem Rätsel in diesem Text nachgereicht werden. Hinter dem Begriff “Hundewichteln” verbarg sich eine Verabredung auf einem Gehöft mit den Dorfnachbarn, bei der es pro forma darum ging, die diversen Hunde der Anwohner mit Weihnachtsgeschenken wie etwa Schweineohren zu “bewichteln”. De facto wurde das allerdings im Laufe des Abends vollkommen vergessen, denn wesentlich wichtiger schien es zu sein, gemeinsam zu grillen und vor allem Punsch und “Schwatten” (Kaffee mit Korn und viel Zucker) zu trinken. Wenn man genug Schwatten trinkt, vergißt man schon mal, wozu man sich eigentlich getroffen hat, soweit kann ich das aus eigener Erfahrung gut nachvollziehen. Das man sich am üblicherweise nicht eben warmen 23.12. aber überhaupt irgendwo draußen zum Grillen verabredet, übersteigt allerdings mein großstädtisches Vorstellungsvermögen bei weitem. Während ich vor Kälte zitternd und mit den Zähnen klappernd einen Punschbecher umkrampfte, kam ich dann doch bei der Beobachtung der fröhlich grillenden und dabei sehr entspannt wirkenden Nachbarschaft nicht umhin, das festzustellen, was ich in Gegenwart der Herzdame natürlich nur sehr leise ausspreche: Die spinnen, die Nordostwestfalen. Und was Frieren ist, wissen sie ganz anscheinend auch nicht, sie saßen nämlich von acht Uhr abends bis ein Uhr nachts entspannt auf Gartenstühlen vor einem alten Bauernhof, ignorierten den auffrischenden, naßkalten Wind und tranken, als der Punsch schließlich alle war, gelassen gut gekühlten Wein weiter. Es war der bisher kälteste Abend des Dezembers. Einige hatten sich für diesen Anlaß nur eben eine Strickjacke übergeworfen und trugen halboffene Hausschuhe an den Füßen. Kleine Kinder spielten um sie herum auf dem frostigen Boden mit herumkullernden Tannezapfen, zottelige Hunde in Bärengröße sprangen über sie hinweg – es ist eine seltsame Gegend. Ich wollte die Herzdame fragen, ob das Konzept des Frierens in ihrem Dorf gänzlich unbekannt sei, aber die Herzdame weigerte sich mit mir zu reden, seit ich mir von ihrer Mutter eine zugegebenermaßen recht damenhafte Mütze geliehen hatte, um zumindest meine Ohren vor schlimmen Erfrierungen zu retten.

Ich bin seit Tagen damit beschäftigt, mich wieder aufzuwärmen und glaube, ich habe schon wieder etwas Gefühl im linken Fuß. Es geht aufwärts.

Weihnachtspause

Winterzauber

Die Herzdame und ich wünschen fröhliche Festtage, hier gibt es jetzt eine kleine Weihnachtspause mit mehrtägigem familiären Bratenmarathon und abschließendem orgiastischen Kochen mit Freunden.

Vielleicht gibt es ja nach dem Fest wieder etwas aus dem nordostwestfälischen Heimatdorf zu berichten, vielleicht komme ich beim Besuch meiner Mutter auf neue Erinnerungen an Travemünde, vielleicht werde ich auch meiner Freundin J. beim gemeinsamen Kochen wieder so dekorative Narben zufügen wie im letzten Jahr – ich werde in jedem Fall berichten. Bis bald!

Eine Frage der Planung

Wenn mich jemand um eine Verabredung bittet und mir einen Termin dafür vorschlägt, sage ich wahrheitsgemäß meistens, daß ich erst die Herzdame fragen muß. Nicht etwa, weil es um ihre Erlaubnis gehen würde, sondern weil sie immer alle Termine weiß, also auch die, die einem anderen Termin eventuell im Weg stehen. Mein geistiger Terminhorizont reicht bis zum heutigen Abend, ihrer reicht etwa ein Halbjahr voraus. Ich lasse mich also regelmäßig morgens durch ihre Ansage der Tagesplanung überraschen, sie sich durch meine Ignoranz. Diese Aufteilung scheint unter Paaren weit verbreitet zu sein, zumindest in meinem Freundeskreis, vielleicht ist sie aber auch naturgegeben. Sich gegen die Natur zu wehren ist oft sinnlos, daher habe ich diese Aufteilung klaglos akzeptiert und kümmere mich nicht mehr um meine Verabredungen in der Zukunft. Sie werden mir schon rechtzeitig wieder angesagt werden.

Vielleicht sollte ich aber doch mehr Interesse an diesen Planungen zeigen, ich bin seit gestern etwas mißtrauisch geworden. Als ich einen Blick in den offen daliegenden Terminkalender der Herzdame warf, weil ich wissen wollte, was wir eigentlich Weihnachten machen, stand da, daß wir am 22.12. nach Friedewalde, also in der Heimatdorf der Herzdame in Nordostwestfalen fahren werden. Bis dahin wenig überraschend. Warum aber steht da am 23.12.: “Abends Hundewichteln” und dahinter mein Name?

Wir haben keinen Hund. Ich weiß auch gar nicht, was das ist, Hundewichteln. Kann man dabei am Ende Männer gegen Hunde eintauschen? Ist es ein spezifisch westfälischer Brauch? Ist die Verwaltung all meiner Termine der Herzdame zu Kopf gestiegen und meldet sie mich aus boshaftem Humor jetzt bei den seltsamsten Veranstaltungen an? Auf Nachfrage sagte sie, sie würde mich über das Hundewichteln erst am 23.12. aufklären, denn eine vorherige Erklärung würde ich mir bekanntlich ohnehin nicht merken. Dem ist schwer zu widersprechen. Sie lächelte und sagte etwas, das wie ein gesäuseltes “Vertrau mir” klang.

Ich bin beunruhigt.

Amökchen

Ich habe es bereits im letzten Jahr geschrieben, aber ich sehe mich aus gegebenem Anlaß genötigt, es zu wiederholen: Das Lied “A wonderful Christmas time” von Paul McCartney (mit dem endlos wiederholten “ding dong”) ist das entsetzlichste Stück Musik, was je zu diesem Fest geschrieben wurde. Es verursacht mutmaßlich Ohrkrebs, schädigt die Stimmung nachhaltig, macht aggressiv und erzeugt wahnhafte Vorstellungen von auf Radios oder Boxen zerschlagenen Glühweinbechern. Ich bin ja ein bekanntermaßen friedfertiger Mensch, aber wenn dieses Lied im Radio kommt, möchte ich den Sänger und Komponisten gerne auf vielfältige Art körperlich schädigen und dazu unentwegt “ding dong” brüllen – und ich kann beängstigend lange sehr kreativ darüber nachdenken, welche Gewalttaten schön zu diesem Chorus passen könnten.

Pardon, es geht schon wieder. Immer ruhig weiteratmen.