Zwanzig Pfennig für die Liebe

Das Apartment in der Strandresidenz, in dem ich mit meiner Mutter in Travemünde wohnte, war nur klein und sehr hellhörig. Das erwies sich mit zunehmendem Alter als ungünstig für Telefonate, denn wenn ich das Ziel meiner jeweiligen jugendlichen Verliebtheit anrufen wollte, wäre ich dabei natürlich lieber allein gewesen. Die Telefone hingen damals aber noch fest an ihren Kabeln und konnten nicht wie heute beliebig weit durch die Wohnung in eine ausreichend abgeschiedene Ecke getragen werden. Das Kabel bei uns reichte gerade so weit, daß ich den Apparat auf den Fußboden vor meine Zimmertür stellen konnte und den Hörer an dem spiraligen Kabel gerade eben in das Zimmer bekam, aber das auch nur, wenn ich ordentlich daran zog. Das Schließen der Tür war dann leider nicht mehr richtig möglich und zum Telefonieren mußte ich mich daher vor den Türspalt knien, in dem das Kabel langsam brach, wenn ich bei brisanten Themen die Tür trotz Widerstand zuzumachen versuchte. Wirklich keine guten Voraussetzungen für ein entspanntes, langes Gespräch zum Zwecke der Liebesanbahnung. Ich wurde daher treuer Stammgast in der Telefonzelle am Strand. Ich habe viele Abende in ihr verbracht, zu jeder Jahrszeit, und wenn ich daran zurückdenke, belebt sich allmählich wieder die Erinnerung an die Telefonzelle als ein nahezu ausgestorbenes Kulturgut. Alleine und ungestört zu telefonieren war damals ein ganz anderer Vorgang als heute, wo jeder ein immer einsatzbereites Handy hat. (mehr …)