Die Liebhaber meiner Mutter (4): Albert

Ich wachte auf und hörte Stimmen aus dem Schlafzimmer meiner Mutter. Der Mann, mit dem sie da sprach, klang allerdings nicht wie jemand, den ich kannte. Ich ging ihre Liebhaber in Gedanken durch, aber keiner paßte zu dieser leisen, etwas gepreßt klingenden Stimme, es mußte sich um einen Neuen handeln. Als der Fremde nach einer Weile an meinem Zimmer vorbei zur Toilette ging, trieb mich die Neugier aus meinem Zimmer und ich machte die Tür auf. Vor mir stand ein etwa dreißigjähriger Mann, der mich so panisch ansah, als wäre ihm soeben eine besonders schreckliche Ausgeburt der Hölle in den Weg getreten, womit er aus seiner Sicht auch nicht ganz falsch lag. Er war nackt und sah sich hektisch nach etwas um, mit dem er sich bedecken konnte, griff schließlich nach den Lübecker Nachrichten auf dem Wohnzimmertisch und hielt sie sich vor den Unterleib, was einigermaßen jämmerlich aussah. Überhaupt war er nicht gerade eine strahlende Erscheinung, er war sehr schmal, hatte dunkle, fusselige Haare am Kinn, die als Vollbart nicht recht überzeugten und er trug eine schwarze Hornbrille, die damals noch nicht etwa modisches Accessoire war, sondern den Verdacht nahelegte, seine Mutter hätte sie für ihn ausgesucht. “Guten Morgen”, sagte ich. Er blieb stehen und rückte mit beiden Händen die Zeitung zurecht, der dabei einzelnen Teile entfielen und zu Boden sanken, er sah hinunter und sagte nichts. Ich zeigte auf die Toilette und sah in fragend an. Er folgte meinem Finger mit dem Blick, verstand mich endlich, nickte und verschwand eilig mit sehr kleinen Schritten, wegen der Zeitung. “Nicht sehr gesprächig”, sagte ich zu meiner Mutter, die währenddessen auch aus dem Bett gekommen war und unsere Begegnung belustigt angesehen hatte. “Ach laß ihn mal”, sagte meine Mutter gähnend, “er hat einen Schock oder so. Er ist Pfarrer, weißt Du, und darf eigentlich nicht. Katholisch eben.” Ich sah sie erstaunt an: “Katholisch!?”.

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