Der Manessemann

Ich habe längere Zeit in einem kleinen Hamburger Antiquariat gearbeitet, einem Laden im Souterrain eines prachtvollen Altbaus aus der Gründerzeit. Es war kein edler Laden, obwohl durchaus auch kostbare Ware im Angebot war, es war eher unordentlich, staubig und auf eine geradezu romantische Art verbaut, verwinkelt und verworren. An jeder Wand gab es hohe Bücherregale bis zur Decke und da dieser Platz für das ganze Angebot nicht annähernd ausreichte, standen überall auf dem Boden kniehohe Bücherstapel, eine unabsehbare Menge von schiefen, immer einsturzbedrohten Gebilden voller Ramsch oder Erstausgaben, Romanen oder Lyrikbänden, je nachdem, wo man gerade hineingriff. Es erforderte viel Übung, sich schnell durch den Laden zu bewegen, ohne dabei diese Stapel umzustürzen, denn die Schneisen durch die Bücher waren nur schmal. Kunden, die sich zu hektisch durchwühlen wollten, richteten manchmal unabsichtlich beträchtliche Umwälzungen an, was sich aber als Vorteil für uns erwies, da sie aus Verlegenheit dann meist nicht wieder gingen, ohne etwas zu kaufen. Es kam vor, daß Kunden stundenlang auf dem Boden saßen und sich von Stapel zu Stapel durcharbeiteten, in langen Selbstgesprächen Titel und Autoren murmelnd, während Buch um Buch durch ihre Hände ging und von links nach rechts gestapelt wurde, ein schöner, friedlicher Anblick. Man hätte nicht sagen können, aus welcher Zeit die Einrichtung des Ladens stammte, denn sie war unter und hinter den Büchern einfach nicht zu sehen, abgesehen von einem kleinen Schreibtisch aus Teak, hinter dem ein löcheriger Korbsessel stand. Auf dem Schreibtisch stand eine kleine Blechkiste als Kasse.

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