Das Kurkonzert mit Marienerscheinung

Es war sehr leicht, in Travemünde zwölf oder dreizehn Jahre alt zu sein und die Sommer am Strand zu verbringen. Es war natürlich wundervoll, in diesem Alter ganze Tage im Meer zu sein und in der Brandung riesige Sandburgen gegen die Wellen zu bauen. Es hat gar nicht weiter gestört, daß diese Burgen stets von den nächtlichen Wellen zerstört wurden, es war schon ein großer Triumph, wenn am nächsten Morgen ein noch so kleiner Hügel in der Brandungslinie zu erkennen war. Dieser Hügel war dann schon mit dem wundervollen Gefühl verbunden, sich verewigt zu haben. Es war selbstverständlich ein herrliches Privileg, ein Strandkind zu sein. Später war es aber eine Zumutung, in Travemünde vierzehn, fünfzehn oder sechzehn Jahre alt zu sein. Die Sandburgen waren allmählich doch ein wenig unter unserer Würde. Mein Freund Stefan und ich, wir standen eines Tages am Strand und wußten, ganz ohne uns abstimmen zu müssen, wir würden keine Schaufeln mehr anfassen um wie Kinder Sand zu schippen. Aber was sollten wir bloß statt dessen machen?

Es gab in dem Ort keine Treffpunkte, die für unsere Altersgruppe geeignet gewesen wären, es gab keine Jugendclubs, keine Discos oder auch nur irgend etwas in der Art. Es gab Kurkonzerte. Es gab nicht einmal einen öffentlichen Platz, auf dem man hätte effektvoll herumhängen können. Wie soll man stilvoll pubertär herumhängen, wenn es drei Meter weiter ganze Touristenfamilien auch tun und das dann vergnügt Urlaub nennen? In Travemünde hingen alle herum, sogar tagelang, damit konnte man unmöglich negativ auffallen.

Wir durften in diesem Alter abends allmählich etwas länger wegbleiben, die Mütter gaben Stunde um Stunde nach. Es gab nur irgendwie gar keinen Grund, abends nicht zu Hause zu sein. In der späten Sommerdämmerung am Strand zu sitzen erinnerte fatal an peinliche Pfadfinderromantik, sehr spießig, es fehlte nur noch eine Gitarre und das gemeinsame Nachsingen von Joan-Baez-Liedern. Die Restaurants und Cafés waren zu teuer für uns, die Imbissbuden am Strand schlossen meist früh. Stefan und ich kamen daher auf seltsame Freizeitbeschäftigungen, um uns die Zeit zu vertreiben. Wir haben, wie es wohl die meisten Jugendlichen in kleinen Orten irgendwann tun, in stundenlanger Arbeit abends reihenweise Straßenlaternen ausgetreten, was keine große Kunst war, denn sie gingen aus Sicherheitsgründen aus, wenn man etwa in Stoßstangenhöhe kräftig genug dagegen trat. Daß man dadurch ganze Straßenzüge ins Dunkel versenken konnte, war zunächst faszinierend, aber nur bis uns klar wurde, daß es einfach keinen störte. War der Ort eben dunkel, machte ja nichts. Wir wurden etwas deutlicher und zerschlugen an den Uferstrassen sämtliche Glaskästen, in denen die Speisekarten vor den Restaurants und Hotels ausgehängt waren. Dabei konnte man kungfumäßige Tritte üben, was ein besonderer Anreiz war, aber die Kästen wurden, nachdem sie einmal kaputt waren, leider nie repariert, so daß diese Beschäftigung auch bald ein eher trostloses Ende fand.

Eine Weile lang war es immerhin amüsant, spätabends doch an den Strand zu gehen und dort nach besonders großen, hohen und mit sehr viel Mühe errichteten Strandburgen zu suchen. Aus diesen haben wir dann den darin befindlichen Strandkorb hinaus und einen mit einer anderen Nummer, um den herum gar keine Burg war, hineingetragen. Am nächsten Tag konnte man dann schon am frühen Morgen beobachten, wie sich zwei Urlauber anschrieen und sich um den Platz in der Burg stritten, wobei wir es immerhin dreimal in nur einem Sommer geschafft haben, ganz ohne weitere Eingriffe eine Schlägerei unter Urlaubern herbeizuzaubern, denn, das war offensichtlich, bei einer Strandburg, deren Errichtung etliche Stunden gekostet hatte, hörte der Spaß bei erwachsenen Männer auf.

Wir betranken uns während der Travemünder Woche in den Partyzelten, aber das machten alle anderen natürlich auch. Es war schlicht zum Verzweifeln – und das taten wir dann auch. Zum Verzweifeln brauchte man nichts weiter als ein Sixpack und den Gedanken an Hamburg, wo die Jugendlichen im Paradies leben mußten. Wir konnten zwar bei Vollmond nackt im Meer schwimmen, aber richtig revolutionär kam uns das leider nicht vor, es schien uns als ein sehr provinzieller Spaß, zumal sich keine interessierte weibliche Begleitung dafür finden ließ. Wir saßen hinterher naß auf einem nächtlichen Steg, hielten die Füße ins Wasser, tranken Bier, warfen die leeren Flaschen in die Wellen und träumten von der Millionenstadt, in der das Leben so unvorstellbar viel besser sein mußte.

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