Die laufende Nummer

Meine Freundin Jule gehört zu jenen Menschen, die unbegreiflicherweise bei jedem Händewaschen die Ringe ablegen und diese in einer Seifenschale oder auf einem Waschbeckenrand deponieren, um sie dann mit trockenen Händen wieder aufzusetzen. Dabei ist doch aus zahlreichen Filmen allgemein bekannt, daß für solche Menschen unweigerlich der Tag kommt, an dem der Schmuck in irgendeinem Badezimmer vergessen oder weggespült wird. Meine Freundin Jule vergaß auf diese Art gerade ihren Ehering auf einer Toilette am Hamburger Flughafen, seitdem ist das Schmuckstück natürlich auf immer weg, denn es gab naheliegender Weise keinen ehrlichen Finder.

Der Ring war ein besonderer Ring, von einer hundertjährigen irischen Hexe bei Vollmond in einem Schaltjahr unter Misteln geschmiedet – oder so ähnlich, ich kriege die Geschichte nicht mehr ganz zusammen, aber er war jedenfalls, soviel steht fest, unter besonderen, nicht wiederholbaren Umständen hergestellt und gekauft worden. Ein wirklich schwerer Verlust also. Jules Mann bot ihr, da sie sich sofort nachdem sie den Verlust bemerkte in Tränen aufzulösen drohte, spontan seinen eigenen Ring als Ersatz an, was sie aber gar nicht tröstlich, sondern geradezu beleidigend fand – er konnte seinen Ring ja anscheinend gar nicht schnell genug loswerden. Sehr verdächtig. Sie lehnte das Angebot daher empört ab.

Es mußte ein neuer Ring her, denn so ein Ehering sollte schon dauerhaft vorgezeigt werden können, auch wenn es nicht das Original ist. Der gleiche Ring wie damals konnte es wegen der besonderen Geschichte nicht werden, also wurde ein normaler bestellt, ein ganz durchschnittlicher Ehering von irgendeinem Juwelier. Auch die Liebesschwüre, die in den alten Ring eingraviert waren, wurden nicht noch einmal nachgemacht, Jule entschied sich vielmehr für eine verblüffend praktische Gravur, die der Sachlage aber vollkommen gerecht wird. In dem Ring stehen weder Vornamen noch ein Datum, dort sind keine Herzchen und kein Hinweis auf eine Ehe, in dem Ring steht einfach nur: „Nummer zwei“.

7 Kommentare

  1. Ich weiss ja nicht, wer alles als Leser dieser Inschrift in Frage kommt, aber ich würde dabei spontan wohl eher an Ehe als an Ring Nummer zwei denken.

  2. Lieber Merlix,
    wie immer – wunderbar. Ich werde mir „Nummer 2“ merken – für den Fall, dass ich im Leben etwas Unersetzbares verlieren sollte …
    Schön gemacht von Dir! (Wenn ich’s nicht besser wüßte, würde ich Dir den ‚Financial Controller‘ nicht abnehmen. Nur Deine Rechenschwäche. Wie oft haben mathematisch Unbegabte ein äußerst feines Gefühl für die Sprache…)

    Ich wäre gerne zu Deiner Lesung morgen gekommen. Äußere Umstände zwingen mich leider, dem Veranstaltungsort fern zu bleiben. Danke für Deine Einladung – ich hoffe, es wird nicht die letzte sein… 😉

    Herzlichen Gruß, auch an Herzdame,
    Siri

  3. Für mch auch absolut unverständlich, dass der Ehemann seinen Ring hergeben wollte. In der Tat sehr verdächtig. Nummer Zwei als Gravur ist einfach nur göttlich 😀

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.