Merlix featuring Mek

Eine weitere Travemündegeschichte, desmal eine, bei der ein Mann aus dem Süden eine ganz besondere Rolle spielt. Dazu fiel mir ein natural born Fachmann für südliches Denken ein: Mek. Wir haben uns darüber unterhalten und die Geschichte dann gemeinsam geschrieben, er den Süden, ich den Norden.

Im Winter 1978/1979 fiel in Norddeutschland bei einer äußerst ungewöhnlichen Wetterlage ungewöhnlich viel Schnee. Schnell und drastisch fallende Temperaturen brachten zum Jahreswechsel bis dahin vollkommen unvorstellbare Schneemengen. Es fuhren keine Züge mehr, Autobahnen waren komplett gesperrt, Dörfer und ganze Landkreise waren nur noch per Hubschrauber erreichbar, sogar aus Hamburg kam man tagelang nicht mehr heraus. Die Lage war katastrophal, es gab mehrere Tote. Im Januar beruhigte sich der Winter zunächst etwas, aber zum 14. Februar 1979 kam der Schneesturm noch einmal zurück – und diesmal brachte er auch Eis, sehr viel Eis.

Auf dem Eis

Wenn man am Strand eines vereisten Meeres steht, ist die Stille wirklich verblüffend. Ein Meer unter Eis gibt kein Geräusch mehr von sich, gar keines. Plötzlich ist dort Ruhe, wo es sonst eine endlose Folge von Geräusche gibt, die sich doch bis in alle Ewigkeit zu wiederholen scheint. Keine Welle schlägt mehr plätschernd an den Strand, keine Schaumkrone sinkt rauschend in sich zusammen, keine Steinchen werden flüsternd von den Ausläufern der Brandung zusammengeschoben, keine leeren Muschelschalen rasseln klappernd mit dem Zurückweichen der Wellen über den Sand, alles schweigt – und in diesem Schweigen war den ersten Travemündern, die morgens am Strand des nun starren Meeres standen, als müßten sie selbst auch die Luft anhalten und ganz, ganz leise gehen, so drückend und gebietend war die ungewohnte Stille des Eises. Selbst die eigenen Gedanken schienen plötzlich ganz laut zu sein, in dieser lautlosen Umgebung.

“…den Schnee den Schnee wollte sie immer sehen, damals noch, als sie mich ihren verwegenen Abenteurer nannte, damals noch, als ich glaubte ihre schwarzen Augen seien so hell wie die sizilianische Sonne, damals noch, als ich mir fest vorgenommen hatte diese Frau zu heiraten, zur Not sie zu entführen, Patricia, diese wunderbare junge Frau, die damals noch ihre Mägde täuschte nur um mich zu sehen, als sie noch sagte nimmmich nimmmich, nimm mich mit, das was Frauen am Anfang immer sagen, egal wo, egal wohin, nimm mich einfach, bis der erste Glücksstoß verwässert und sie langsam zurückkommen auf den Boden der Tatsachen, und plötzlich aufwachen und um die Zukunft ihrer ungezeugten Kinder bangen, zweifeln. Patricia würde wahrscheinlich blöd aus ihren Augen schauen bei all dem Schnee, ach, wie leicht mir das Wort “blöd” herauskommt und mögen ihre Augen auch noch so schön sein, oder eben Augen in denen die sizilianische Erde sich spiegelt, wie ihr Onkel sagt, und ihre Augen dabei wohl besser erkannt hat, als ich, mit meiner sizilianischen Sonne, wie konnte ich nur so blind sein, pah, sizilianische Erde, kein Wunder, daß man uns überall Terroni nennt, hintengebliebenes Pack das wir doch sind, ich mag von Glück sprechen, daß sie mich in den Norden geschickt haben, und wenn ich zurückkomme, nein, falls ich noch jemals zurückkomme, dann werde ich es ihnen zeigen, wie das geht, wie man ein richtiger Signore ist, vornehm wie es diese Gebildeten Menschen hier sind und nicht so provinziell wie dieses verstohlene südländische Inselpack Pack Pack! Vonwegen ich sei ein Bauernsohn und Patricia nicht würdig, sind sie nicht alles gesuchte Leute denen man alles anzweifelt was aus ihren dreckigen Mäulern kommt? Sogar die Bauersleut? Hat meine Großmutter nicht immer schon von den Sacconis als dreckige, verlogene Bande gesprochen? Silberbesteck ja, feiner Zwirn ja, auch gelächelt haben sie immer die Sacconis, nie etwas böses zu mir gesagt, auch nicht als sie meinen Heiratsantrag abgewiesen haben, immer freundlich, das Pack Pack Pack, und ach Patricia, du schöne erdfarbene Prinzessin, auch Du hast immer gelächelt, nett gestrahlt, wie man halt immer tut, geschäftlich, freundlich, als gäbe es diesen familiären Frieden den es zu bewahren gilt, als oberstes Gebot, ich möchte wissen wie viele Tränen Du geweint hast als sie mich in dieses Deutschland geschickt haben, wie viele Tränen in Deinen erdfarbenen Augen so trocken wie die sizilianische Erde, immer sonnig, immer trocken, trocken ist doch alles an Dir, Prinzessin der sizilianischen Erde, Dein Herz, Dein Leib, Dein Herz Dein Herz Dein Herz, wo nimmst Du bloß diesen Hochmut her… das Eis unter meinen Füßen ist mehr wert als der Boden eures erstohlenen Landes.”

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Bildungsprogramm

Eine der schönsten Google-Suchanfragen seit langem, ich sehe den verzweifelten jungen Menschen förmlich vor mir, der heute diese Seite fand, nachdem er entnervt diese Frage eingegeben hatte: “Haben sie sich nun in Godot getroffen oder nicht?”

Aber wer wäre ich, das zu verraten. Immer schön zu Ende lesen, was auf den Tisch kommt.