Die vergessenen Toten: Ein Nachtrag

Ich habe vor einiger Zeit einen Text über die Hamburger Beerdigungen von jenen Menschen geschrieben, die entweder sterben ohne jemanden zu hinterlassen, oder aber sterben, ohne jemanden zu hinterlassen, der ihre Beerdigung bezahlen könnte (“Die vergessenen Toten“). Diese Menschen, so schrieb ich da, haben überhaupt nur deswegen ein kleines Zeremoniell, weil sich ein Freiwilliger, Frater Rafael, darum kümmert.

Im Hamburger Abendblatt vom 17. Februar erschien nun ein Artikel, in dem beschrieben wird, daß dieser Frater Rafael “resigniert”. In dem Artikel gibt es eine sehr leicht mißverständliche Zeile, in der es heißt: “Auf Drängen der GAL und Frater Rafaels bewilligte die Sozialbehörde dem Seelsorger seit September vergangenen Jahres zumindest einen Euro pro Urne, um Blumen und Kerzen zu kaufen.”

Das klingt gerade so, als würde dem Frater Geld ausgezahlt werden, was durchaus nicht der Fall ist. Da immer noch viele Besucher über Googlenachfragen zu diesem Thema auf diesen Seiten landen, gebe ich hier gerne wieder, was mir Frater Rafael dazu schreibt:

“Ich bin kein Ein-Euro-Jobber. Wie jeder andere Mensch in dieser Stadt verdiene ich mein Geld aus freiberuflicher und nichtselbständiger Arbeit. Diese Arbeit auf dem Friedhof betrieb ich jahrelang ehrenamtlich und ohne jegliche Bezahlung von Außenstehenden. Wären ab und zu nicht einige Wohltäter aufgetreten, hätte ich schon früher damit aufhören müssen.
Dieser Euro, um den es hier geht, kommt jeweils einen Menschen zugute, der auf dem Öjendorfer Friedhof als sogenannter ” Vergessener Tote” begraben wird. Und wie man liest, seit September letzten Jahres. Dieser Euro soll dem Blumen – und Kerzenschmuck der Gräber dieser Menschen dienen. Nun sollte ich rückwirkend ab September 2006 diesen Euro pro Sterbefall für meine Ausgaben, sprich Blumen -, Kerzenschmuck und auch Fahrtkosten erhalten und auch in Zukunft von diesem zugesprochenen Geld die Gräber schmücken. Aber dem ist nicht so! Als Hauptgesellschafter der Hamburger Friedhöfe hat nun der Senat, bzw. die zuständige Sozialbehörde dahingehend entschieden, diesen Euro direkt den Friedhöfen zukommen zu lassen, um davon den Schmuck für die Gräber zu finanzieren. Bislang liegt keinerlei Blumen – wie Kerzenschmuck auf den Gräbern! D.h. das Geld wird in meinen Augen nur hin – und hergeschoben und geht am eigentlichen Ziel vorbei!”

Ich bin damals in meinem ersten Artikel zu diesem Thema von einigen Kommentatoren mißverstanden worden, sie dachten, ich hätte etwas gegen anonyme Bestattungen. Darum ging es mir natürlich nicht. Selbstverständlich ist es das gute Recht eines jeden Menschen, sich eine anonyme, schmucklose Beerdigung zu wünschen. Es ist in meinen Augen aber etwas ganz anderes, wenn Menschen, über deren Wünsche man unmöglich etwas wissen kann, weil sie etwa allein auf einer Parkbank gestorben sind, ohne jede Zeremonie bestattet werden. Sie werden zwar am Tag vor der Einäscherung nach evangelischem Ritus ausgesegnet, an dem Morgen, an dem sie beerdigt werden, ist dann aber tatsächlich gar nichts an Begleitung da, was ich nach wie vor verblüffend kulturlos und arm in jedem Sinne finde. Die Nichtzuständigkeit sämtlicher Hamburger Religionsgemeinschaften bleibt für mich äußerst erstaunlich.

Die Zahl der Vergessenen Toten geht in Hamburg in diesem Jahr voraussichtlich an die Tausend.

Merlix featuring Mek

Eine weitere Travemündegeschichte, desmal eine, bei der ein Mann aus dem Süden eine ganz besondere Rolle spielt. Dazu fiel mir ein natural born Fachmann für südliches Denken ein: Mek. Wir haben uns darüber unterhalten und die Geschichte dann gemeinsam geschrieben, er den Süden, ich den Norden.

Im Winter 1978/1979 fiel in Norddeutschland bei einer äußerst ungewöhnlichen Wetterlage ungewöhnlich viel Schnee. Schnell und drastisch fallende Temperaturen brachten zum Jahreswechsel bis dahin vollkommen unvorstellbare Schneemengen. Es fuhren keine Züge mehr, Autobahnen waren komplett gesperrt, Dörfer und ganze Landkreise waren nur noch per Hubschrauber erreichbar, sogar aus Hamburg kam man tagelang nicht mehr heraus. Die Lage war katastrophal, es gab mehrere Tote. Im Januar beruhigte sich der Winter zunächst etwas, aber zum 14. Februar 1979 kam der Schneesturm noch einmal zurück – und diesmal brachte er auch Eis, sehr viel Eis.

Auf dem Eis

Wenn man am Strand eines vereisten Meeres steht, ist die Stille wirklich verblüffend. Ein Meer unter Eis gibt kein Geräusch mehr von sich, gar keines. Plötzlich ist dort Ruhe, wo es sonst eine endlose Folge von Geräusche gibt, die sich doch bis in alle Ewigkeit zu wiederholen scheint. Keine Welle schlägt mehr plätschernd an den Strand, keine Schaumkrone sinkt rauschend in sich zusammen, keine Steinchen werden flüsternd von den Ausläufern der Brandung zusammengeschoben, keine leeren Muschelschalen rasseln klappernd mit dem Zurückweichen der Wellen über den Sand, alles schweigt – und in diesem Schweigen war den ersten Travemündern, die morgens am Strand des nun starren Meeres standen, als müßten sie selbst auch die Luft anhalten und ganz, ganz leise gehen, so drückend und gebietend war die ungewohnte Stille des Eises. Selbst die eigenen Gedanken schienen plötzlich ganz laut zu sein, in dieser lautlosen Umgebung.

“…den Schnee den Schnee wollte sie immer sehen, damals noch, als sie mich ihren verwegenen Abenteurer nannte, damals noch, als ich glaubte ihre schwarzen Augen seien so hell wie die sizilianische Sonne, damals noch, als ich mir fest vorgenommen hatte diese Frau zu heiraten, zur Not sie zu entführen, Patricia, diese wunderbare junge Frau, die damals noch ihre Mägde täuschte nur um mich zu sehen, als sie noch sagte nimmmich nimmmich, nimm mich mit, das was Frauen am Anfang immer sagen, egal wo, egal wohin, nimm mich einfach, bis der erste Glücksstoß verwässert und sie langsam zurückkommen auf den Boden der Tatsachen, und plötzlich aufwachen und um die Zukunft ihrer ungezeugten Kinder bangen, zweifeln. Patricia würde wahrscheinlich blöd aus ihren Augen schauen bei all dem Schnee, ach, wie leicht mir das Wort “blöd” herauskommt und mögen ihre Augen auch noch so schön sein, oder eben Augen in denen die sizilianische Erde sich spiegelt, wie ihr Onkel sagt, und ihre Augen dabei wohl besser erkannt hat, als ich, mit meiner sizilianischen Sonne, wie konnte ich nur so blind sein, pah, sizilianische Erde, kein Wunder, daß man uns überall Terroni nennt, hintengebliebenes Pack das wir doch sind, ich mag von Glück sprechen, daß sie mich in den Norden geschickt haben, und wenn ich zurückkomme, nein, falls ich noch jemals zurückkomme, dann werde ich es ihnen zeigen, wie das geht, wie man ein richtiger Signore ist, vornehm wie es diese Gebildeten Menschen hier sind und nicht so provinziell wie dieses verstohlene südländische Inselpack Pack Pack! Vonwegen ich sei ein Bauernsohn und Patricia nicht würdig, sind sie nicht alles gesuchte Leute denen man alles anzweifelt was aus ihren dreckigen Mäulern kommt? Sogar die Bauersleut? Hat meine Großmutter nicht immer schon von den Sacconis als dreckige, verlogene Bande gesprochen? Silberbesteck ja, feiner Zwirn ja, auch gelächelt haben sie immer die Sacconis, nie etwas böses zu mir gesagt, auch nicht als sie meinen Heiratsantrag abgewiesen haben, immer freundlich, das Pack Pack Pack, und ach Patricia, du schöne erdfarbene Prinzessin, auch Du hast immer gelächelt, nett gestrahlt, wie man halt immer tut, geschäftlich, freundlich, als gäbe es diesen familiären Frieden den es zu bewahren gilt, als oberstes Gebot, ich möchte wissen wie viele Tränen Du geweint hast als sie mich in dieses Deutschland geschickt haben, wie viele Tränen in Deinen erdfarbenen Augen so trocken wie die sizilianische Erde, immer sonnig, immer trocken, trocken ist doch alles an Dir, Prinzessin der sizilianischen Erde, Dein Herz, Dein Leib, Dein Herz Dein Herz Dein Herz, wo nimmst Du bloß diesen Hochmut her… das Eis unter meinen Füßen ist mehr wert als der Boden eures erstohlenen Landes.”

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Bildungsprogramm

Eine der schönsten Google-Suchanfragen seit langem, ich sehe den verzweifelten jungen Menschen förmlich vor mir, der heute diese Seite fand, nachdem er entnervt diese Frage eingegeben hatte: “Haben sie sich nun in Godot getroffen oder nicht?”

Aber wer wäre ich, das zu verraten. Immer schön zu Ende lesen, was auf den Tisch kommt.

Das Kalb

“Es hat seine Augen” sagte sie trotzig und stützte sich mit beiden Händen auf ihren Schreibtisch, während sie unsicher aufstand. Der Computerbildschirm wackelte bedenklich. Sie war wirklich eindeutig betrunken und ich konnte sie auf keinen Fall so in ihr Auto steigen lassen. “Es hat genau seine Augen und es ist genau an dem Tag geboren worden.” “Du meinst, du siehst deinen Sohn in dem Kalb?” fragte ich und drückte sie vorsichtig an den Schultern wieder auf ihren Stuhl. “Er ist es”, sagte sie, ruderte mit den Armen und stand schon wieder auf. “Ich weiß es. Ich sehe es doch. Ich kann es doch sehen!”. Sie sah mich jetzt wütend an, ging zum Garderobenschrank und nahm ihre Handtasche heraus: “Ich bin nicht blöd und ich weiß schon, was ich sehe! Eine Mutter sieht das doch.” Ihr Atem roch nach Korn und Pfefferminz, ich konnte es noch riechen, obwohl sie jetzt ein paar Meter entfernt von mir stand. Genau genommen roch das ganze Büro scharf nach Alkohol.

“Gib mir jetzt bitte deinen Autoschlüssel”, sagte ich so freundlich, wie ich nur konnte. Ich setzte mich, in der Hoffnung, sie würde sich auch wieder hinsetzen und vielleicht etwas ruhiger werden. Sie sah mich glasig an, rollte bemüht mit den Augen, was ihr gar nicht mehr so leicht fiel und sagte zum hundertsten Mal: “Ich bin nicht betrunken. Ich habe nur Tabletten genommen, zur Beruhigung, aber ich kann noch fahren, gar kein Problem. Ich bin gestern ja auch so gefahren. Das geht schon. Laß mich doch einfach in Ruhe.” Ich fragte sie, was für Tabletten sie genommen hätte, das Gespräch mußte irgendwie weitergehen, ich bat sie, mir die Medikamente zu zeigen, sie wühlte wortlos in ihrer Handtasche. Sie warf mir, ohne mich dabei anzusehen, eine kleine bunte Schachtel zu, die weit an mir vorbeiflog und in einem leeren Regal landete. Ich las die Aufschrift, es waren harmlose, freiverkäufliche Baldriandragees. Nichts, was ihren Zustand erklärt hätte. “Du bist betrunken”, sagte ich wieder, “du bist völlig blau. Ich kann es sehen, ich kann es riechen, du hast eine mörderische Fahne. Wir holen dir ein Taxi. Die Firma zahlt, alles kein Problem. Du fährst auf gar keinen Fall mehr Auto. Und morgen gehst du zum Arzt, OK? Wir kriegen das schon irgendwie geregelt, aber ich kann dich nicht fahren lassen. Auf keinen Fall.”

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Die laufende Nummer

Meine Freundin Jule gehört zu jenen Menschen, die unbegreiflicherweise bei jedem Händewaschen die Ringe ablegen und diese in einer Seifenschale oder auf einem Waschbeckenrand deponieren, um sie dann mit trockenen Händen wieder aufzusetzen. Dabei ist doch aus zahlreichen Filmen allgemein bekannt, daß für solche Menschen unweigerlich der Tag kommt, an dem der Schmuck in irgendeinem Badezimmer vergessen oder weggespült wird. Meine Freundin Jule vergaß auf diese Art gerade ihren Ehering auf einer Toilette am Hamburger Flughafen, seitdem ist das Schmuckstück natürlich auf immer weg, denn es gab naheliegender Weise keinen ehrlichen Finder.

Der Ring war ein besonderer Ring, von einer hundertjährigen irischen Hexe bei Vollmond in einem Schaltjahr unter Misteln geschmiedet – oder so ähnlich, ich kriege die Geschichte nicht mehr ganz zusammen, aber er war jedenfalls, soviel steht fest, unter besonderen, nicht wiederholbaren Umständen hergestellt und gekauft worden. Ein wirklich schwerer Verlust also. Jules Mann bot ihr, da sie sich sofort nachdem sie den Verlust bemerkte in Tränen aufzulösen drohte, spontan seinen eigenen Ring als Ersatz an, was sie aber gar nicht tröstlich, sondern geradezu beleidigend fand – er konnte seinen Ring ja anscheinend gar nicht schnell genug loswerden. Sehr verdächtig. Sie lehnte das Angebot daher empört ab.

Es mußte ein neuer Ring her, denn so ein Ehering sollte schon dauerhaft vorgezeigt werden können, auch wenn es nicht das Original ist. Der gleiche Ring wie damals konnte es wegen der besonderen Geschichte nicht werden, also wurde ein normaler bestellt, ein ganz durchschnittlicher Ehering von irgendeinem Juwelier. Auch die Liebesschwüre, die in den alten Ring eingraviert waren, wurden nicht noch einmal nachgemacht, Jule entschied sich vielmehr für eine verblüffend praktische Gravur, die der Sachlage aber vollkommen gerecht wird. In dem Ring stehen weder Vornamen noch ein Datum, dort sind keine Herzchen und kein Hinweis auf eine Ehe, in dem Ring steht einfach nur: “Nummer zwei”.