Der frühe Vogel

Es war noch richtig dunkel und nur vereinzelt sang ein Vogel für einen kleinen Moment, ein vorsichtiges, nur angedeutetes Geräusch in der Nacht. Er mußte die Luft anhalten oder sehr leise atmen, um es wirklich hören zu können. Es mußte noch sehr früh sein. Den Mond und die Sterne auf den Vorhängen konnte er schon schwach erkennen, aber sie hatten noch keine Farbe, es waren nur graue Umrisse und eigentlich waren sie wohl auch nur zu erkennen, weil er eben wußte, daß sie da waren. Unter der Zimmertür war ein schmaler Lichtstreifen zu erkennen, von dem kleinen Nachtlicht im Flur, eine hauchfeine Linie mitten im Schwarz. Zwischen der Tür und dem Fenster war es auf dem Fußboden und auch darüber aber noch ganz schwarz, ein großes Stück Nacht lag da mitten im Zimmer herum. Er machte die Augen ganz weit auf, so weit er nur konnte, aber dadurch wurde es auch nicht heller. Immerhin, wenn doch der Mond und die Sterne auf den Vorhängen schon zu erkennen waren, dann konnte es sicher nicht die Geisterstunde sein und allzu gefährlich war es daher wohl nicht, jetzt wach zu sein. Aus Sicherheitsgründen sah er dennoch angestrengt an den Leuchtziffern des Weckers vorbei, denn wenn er hingesehen hätte, wer weiß, wäre es am Ende doch erst Geisterstunde und er konnte jetzt wirklich keine weiteren Probleme gebrauchen. Als er noch einen Vogel singen hörte und kurz darauf einen weiteren, beruhigte sich sein Herzschlag, der seit dem Aufwachen wie irre getrommelt hatte – nein, es war nicht mitten in der Nacht, es war nur sehr früh am Morgen, ganz sicher. Er war nicht irgendwann wach, nur viel zu früh.

Er steckte vorsichtig einen Finger in den Mund und bewegte den wackelnden Zahn hin und her. Er ließ sich schrecklich weit bewegen, wie ein Pendel geradezu und es tat furchtbar weh. Er schmeckte Blut im Mund und gleichzeitig merkte er, wie ihm die Tränen kamen. Das war schlecht, sehr schlecht sogar. Und gefährlich war es auch. Wenn er weinen mußte, würde er unweigerlich irgendwann anfangen zu schluchzen und das würde seine Mutter hören. Sie hatte, wie sie immer sagte, ein Gehör wie eine Fledermaus und er hatte nie daran gezweifelt, zu vieles sprach dafür, daß sie die Wahrheit sprach. Sie hörte ja auch, wenn er abends schon im Bett lag und heimlich las, dieses ganz leise, kaum wahrnehmbare Geräusch des Umblätterns hörte sie, wenn die Seiten einander gerade eben mal flüchtig streiften und dann stand sie plötzlich in der Tür, um ihm das Buch wegzunehmen. Sie war anders als andere Menschen.

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