Wildwuchs der Wölbungen (2)

Nachdem ich neulich schon durch kompetenten Kindermund auf das Wachstum meines Bauchansatzes hingewiesen wurde, fand diese Szene jetzt eine überraschende Fortsetzung im Büro. Dort kniff mich in der Teeküche eine Kollegin unerwartet beherzt in das Fleisch unterhalb der Rippen und sprach: “Na mein Lieber, da sammelt sich aber auch schon reichlich Speck, was?”

Kurz in Erwägung gezogen, Figurveränderungen bei Kolleginnen künftig ebenso ungezwungen und jovial zu kommentieren. Den Gedanken dann wieder verworfen.

Mondbetrachtungen

Auf dem Monitor sieht man die Rückseite des Mondes, eine schwarzweiße Landschaft voller Krater und Täler, man erkennt eigentlich eher gar nichts, beim besten Willen nichts, außer Grauabstufungen, aber die Frauenärztin sagt: “Gucken sie mal, und hier das Gesicht, da die Augenbrauen”. Ah ja.

Dann einer der wenigen Fälle, bei denen Schulwissen mal nützlich ist, der Unterarm besteht aus Elle und Speiche und die erkennt man, ganz deutlich, ein Arm, ein Arm, ich weiß was, ich weiß was. Die Frauenärztin lacht, weil das Kind anscheinend den Kopf in beide Hände stützt, während wir es betrachten, zumindest sieht es so aus – und die Herzdame lacht jetzt auch, weil ich gerade genau so sitze und gebannt auf den Monitor starre.

Ein schwarzer Klecks, der volle Magen, Beinchen, Füße, Pobacken. Das war’s. Bis zum nächsten Mal.

Die Herzdame sieht mich an, ich sehe die Herzdame an, zwischen uns bildet sich ein großes Fragezeichen, das langsam zur Decke schwebt. Und, fragt die Herzdame schließlich, kann man denn sehen, was es wird? Weiß ich nicht, sagt die Ärztin und rollt das Ultraschallgerät schon mal weg, sie waren doch das Paar, das auf keinen Fall wissen wollte, was es wird? Oder nicht? Waren sie das nicht? Nein, sage ich, das waren wir nicht. Wir wollen es wissen. Jetzt. Die Ärztin ist irritiert, sie hat extra an der entscheidenden Stelle etwas schneller gemacht, um uns keinen genauen Anblick zu bieten, aber sie macht das Gerät wieder an. Das Kind zieht die Beine an und gibt sich defensiv. “Na komm, mach mal die Beine breit”, sagt die Ärztin und die Beinchen öffnen sich umgehend, so ein wohlerzogenes Kind. jetzt schon, es ist eine Freude. “Ich glaube, da hängt was”, sagte die Ärztin und guckte ganz genau hin.

Wenn unsere sicherlich überaus geschmackvolle, phantasiereiche und stilbewußte Leserschaft freundlicherweise noch ein paar Jungennamen einreichen würde, wären wir wirklich sehr dankbar.

Sprachyoga

Die Herzdame hat eine Probestunde Schwangerschaftsyoga hinter sich, nach der sie kichernd nach Hause kam. Etwas befremdlich, denn als Comedyprogramm war mir Yoga bisher gar nicht geläufig. Es war aber auch gar nicht der Kursinhalt so erheiternd, sondern die Sprache der Yogalehrerin. Die Ernsthaftigkeit der Stunde war für die Herzdame schon nach einer Minute dahin, denn der Vortrag der Kursleiterin begann mit dem schönen und völlig ernst gemeinten Satz: “Als erstes setzen wir uns in den Schneiderinnensitz.”

Und die Herzdame war die einzige, die das erheiternd fand. Wir haben jetzt beschlossen, daß sie nicht schwanger ist, sondern schwangerin. Bestimmt besser so.

Physik für werdende Eltern

Ich habe in den naturwissenschaftlichen Fächern zu Schulzeiten mangels Interesse eher gar nichts verstanden. An Physik zum Beispiel fand ich stets nur spannend, daß unserem Lehrer im krassen Gegensatz zu allen bekannten Naturgesetzen jedes nur denkbare und lehrbuchgemäße Experiment fehlschlug, aber dieses eher humororientierte Interesse bildete mich natürlich nicht weiter. Entsprechend könnte ich heute keinen einzigen physikalischen Begriff vernünftig definieren.

Aber den Satz “Von einer Unwucht spricht man bei rotierenden Körpern, deren Masse nicht rotationssymmetrisch verteilt ist” (Quelle) – den versteht man doch plötzlich ganz gut, wenn man mit einer Schwangeren einen betont flotten Quickstep tanzt. Und auch, daß Unwuchten, wie es in der Definition weiter heißt, zu “erhöhtem Verschleiß” führen, kann ich seit dem heutigen Abend absolut nachvollziehen. Ich glaube, allzu lange gehen wir nicht mehr tanzen.

Familienplanungsfachsprache

Eine schwangere Frau sorgt offensichtlich in ihrem gesamten Umfeld für eine stark intensivierte Diskussion des Nachwuchsthemas. Auch die Freundinnen der Herzdame beschäftigen sich natürlich verstärkt mit dem Thema und so geht es des öfteren bei Treffen um Möglichkeiten, Zeiten, Wohnsituationen, passende Jobs, passende Partner und so weiter. Da die Damen natürlich nicht vorhaben, aufgrund des Nachwuchses zum küchenzentrierten Heimchen zu werden – der einzige Mensch in meinem Bekanntenkreis, der gerne Hausfrau wäre, bin tatsächlich ich -, muß man ja schon etwas überlegen, zwischen welche Karriereschritte man eine Schwangerschaft am besten placiert; bei der Herzdame und mir war es nicht anders.

Ein sprachlicher Höhepunkt der Familienmoderne war für mich gestern abend erreicht, als eine Freundin, die gerade mit uns ihre Berufs-, Beziehungs- und Familienplanung der näheren Zukunft durchging, ihr Vorhaben für den Herbst so formulierte: “Wir haben da einen Zeugungshorizont von September bis Oktober”.