Auf der Paloma

In Travemünde war es ganz normal, zum Kaffeetrinken eine Butterfahrt auf der Ostsee zu machen. Die Menschen aus dem Binnenland gingen am Nachmittag vielleicht in einen schattigen Park, in ein Gartencafé oder an einen idyllischen See, in Travemünde fuhr man eben Schiff. Das schien mir als Kind ganz gewöhnlich und gar nicht spektakulär, obwohl ich doch jeden Tag erlebte, wie hingerissen die Touristen waren, die solche Fahrten zum ersten Mal mitmachten. Denn auch wenn so ein kleines Butterschiff nicht gerade sehr imposant aussah, es fuhr doch ziemlich weit hinaus – und wenn man aus Recklinghausen oder Gütersloh kam, dann war es wohl schon die christliche Seefahrt, dieses abgezirkelte Herumschaukeln vor der Küstenlinie. Die Touristen jubelten aufgeregt, wenn der Inhalt ihrer Kaffeetassen etwas Schräglage bekam, weil wir gerade die Bugwellen eines großen Fährschiffes kreuzten. Sie freuten sich, wenn sie an der Reling standen und etwas Gischt nach oben flog, so daß sie ein paar Tropfen abbekamen, sie hielten ihre Hände nach unten, griffen begeistert nach den Wellen, bis die Finger und Ärmel naß wurden und rochen dann an den Spritzern auf der Haut: “Salzig, es riecht wirklich salzig!”. Sie warfen den Möwen, die über dem Schiff kreisten, Brot zu und winkten den Menschen an Land, wenn das Schiff ablegte. Die Touristen sagten auf den Treppen, die zu dem Restaurant unter Deck führten, laut und besserwisserisch “immer eine Hand fürs Schiff”, weil sie das irgendwo gelesen hatten, und dabei klammerten sie sich krampfhaft mit beiden Händen an das abgegriffene Messinggeländer. Touristen waren oft etwas seltsam. Die kleinen Butterschiffe waren etwa anderthalb Stunden unterwegs, gerade genug Zeit, um etwas zu reden, ein oder zwei Stücke Torte zu essen, etwas auf das Meer zu sehen, ein paar Tassen Kaffee zu trinken und eine Stange Zigaretten zu kaufen. Wenn wir Hilde dabei hatten, reichte die Zeit natürlich auch für ein ordentliches Besäufnis.

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Reisenotizen (9)

Wir haben einen dänischen Supermarkt besucht. Die Obstabteilung ist verblüffend klein, die Joghurtabteilung dagegen vollkommen überdimensioniert. Damit die Dänen nicht an Skorbut sterben, enthalten alle Joghurtsorten Fruchtstücke, die hier sehr niedlich Frugstykker heißen. Wenn man also etwa eine Melone haben möchte, kann man sich zehn Liter Melonenjoghurt kaufen und dann aus den darin reichlich enthaltenen Frugstykkern eine melonenähnliche, große Kugel zusammensetzen. Fast so gut wie das Original, nur ohne Schale. Aber die ißt man ja eh nicht.

Reisenotizen (8)

Ein Ferienhaus in einer menschenleeren Gegend zu mieten ist eine ganz hervorragende Idee, wenn man mit einem ziemlich großen Bücherstapel anreist und wild entschlossen ist, sehr viel durchzulesen. Dann findet man auch wieder Perlen der Literaturgeschichte, wie das folgende Zitat, das ich hier zur Freude aller abschreibe, die wie auch die schöne Nachbarin oder ich einmal im Buchhandel gearbeitet haben:

“Eines Morgens trat ein junger, knabenhafter Mann bei einem Buchhändler ein und bat, daß man ihm den Prinzipal vorstellen möge. Man tat, was er wünschte. Der Buchhändler, ein alter Mann von sehr ehrwürdigem Aussehen, sah den etwas schüchtern vor ihm Stehenden scharf an und forderte ihn auf, zu sprechen. “Ich will Buchhändler werden”, sagte der jugendliche Anfänger, “ich habe Sehnsucht danach und ich weiß nicht, was mich davon abhalten könnte, mein Vorhaben ins Werk zu setzen. Unter dem Buchhandel stelle ich mir von jeher etwas Entzückendes vor und ich verstehe nicht, warum ich immer noch außerhalb dieses Lieblichen und Schönen schmachten muß. Sehen Sie, mein Herr, ich komme mir, so wie ich jetzt vor Ihnen dastehe, außerordentlich dazu geeignet vor, Bücher aus Ihrem Laden zu verkaufen, so viele, als Sie nur wünschen können zu verkaufen. Ich bin der geborene Verkäufer: galant, hurtig, höflich, schnell, kurzangebunden, raschentschlossen, rechnerisch, aufmerksam, ehrlich und doch nicht so dumm, wie ich vielleicht aussehe. Ich kann den Preis herabsetzen, wenn ich einen armen Teufel von Studenten vor mir habe, und kann Preise hochschrauben, um den reichen Leuten ein Wohlgefallen zu erweisen, von denen ich annehmen muß, daß sie manches Mal nicht wissen, was sie mit dem Geld anfangen sollen. Ich glaube, so jung ich noch bin, einige Menschenkenntnis zu besitzen, außerdem liebe ich die Menschen, so verschiedenartig sie auch sein mögen; ich werde also meine Kenntnis der Menschen nie in den Dienst der Übervorteilung stellen, aber auch ebensowenig daran denken, durch allzu übertriebene Rücksichtnahme auf gewisse arme Teufel ihr Geschäft zu schädigen. Mit einem Wort: meine Liebe zu den Menschen wird angenehm balancieren auf der Waage des Verkaufens mit der Geschäftsvernunft, die ebenso gewichtig ist und mir ebenso notwendig erscheint für das Leben wie eine Seele voll Liebe: Ich werde schönes Maß halten, dessen seien sie zum voraus versichert.”

(Robert Walser: Die Geschwister Tanner. Frankfurt a.M., Suhrkamp, 1997. Der Roman erschien erstmals 1907)

Bel Ami

Wenn die Frauenärztin “bel” in den Mutterpaß schreibt, meint sie gar nicht, daß das Baby auf dem Ultraschall besonders schön ist, sondern “Beckenendlage”. Wieder was gelernt.