GVK 3

Die dritte Stunde des Geburtsvorbereitungskurses. Die Hebamme zeigt die Geräte, die dann zum Einsatz kommen, wenn nicht alles ohne Hilfe klappt, also die Saugglocke und die Zange. Beides wird herumgereicht. Während die Männer durchweg die technischen Eigenschaften der Instrumente kommentieren und interessiert von “stabilem Stahl“ „geringer Druckkraft im kurzen Winkel“, und „optimierter Zerlegbarkeit“ sprechen, werden die Damen reihenweise sehr blaß und geben die Dinger schnell und kommentarlos weiter. Die Hebamme deutet vorsichtig an, daß es bei Einsatz dieser Sondermittel kurzfristig zu sichtbaren Folgen am Kind kommen könnte, also etwa leichten Druckstellen oder Dellen im Kopf. Dies würde sich aber schon nach wenigen Stunden wieder geben und außerdem gäbe es dergleichen auch mal bei einer normalen Geburt, leicht verbogene Ohren zum Beispiel seien durchaus normal und häufig. Und nach ein paar Stunden verschwänden diese Spuren von selbst. Dellen würden sich wieder ausgleichen, Ohren bald in die richtige Position drehen. In der Regel schon in wenigen Stunden. Spätestens nach ein paar Tagen.

Nach mittlerweile vierzig Jahren muß ich mir aber wohl keine Hoffnung mehr machen, was die Ohren betrifft, nehme ich an.

Merlix rennt

Man sollte sich für die letzten Wochen der Schwangerschaft gewisse Kommunikationsregeln zulegen. Finde ich. Die Herzdame findet das nicht. Sie findet nichts dabei, mir eine Mail ins Büro zu schicken, mit dem Hinweis, sie hätte ungewöhnliche Kreislaufbeschwerden und außerdem Schmerzen, es könnten wohl auch durchaus Wehen sein – und sie findet es auch in Ordnung, direkt nach dieser Mail den Computer auszumachen und nicht mehr ans Telefon zu gehen, nicht ans Handy, nicht ans Festnetz. Nein, sie geht, weil es ihr urplötzlich doch wieder besser ist, mal eben einkaufen.

Und wundert sich, als sie wiederkommt, sehr über den schwer atmenden Ehemann vor der Haustür, der jetzt aber immerhin genau weiß, wieviel Minuten er in eiligen Fällen von der Arbeit bis nach Hause braucht.

Merlix massiert

Kein Buch über Schwangerschaft, in dem nicht betont wird, wie wichtig es sei, die Frau unentwegt mit diversen Pflegeprodukten massierend einzureiben, damit es später keine Streifen, Dellen oder andere Folgeschäden gibt. Keine Hebamme, die nicht bei einem Beratungsgespräch zwischendurch mit kritischem Seitenblick auf den Gatten die Frau fragen würde: “Und? Wirst du auch schön massiert?” Kein Geburtsvorbereitungskurs, in dem man nicht dauernd hören würde: “Ja, auch die Männer müssen etwas tun.”

Und natürlich tut der Mann etwas. Weisungsgemäß kaufe ich in erstaunlicher Vielfalt Pflegeprodukte in rosa Verpackung und zu verblüffenden Preisen, mit denen die Herzdame verwöhnt zu werden seit Monaten beansprucht. Wenn man sich die Inhaltsangaben auf den Schachteln genau durchliest, kommt man schnell zu dem Schluß, daß es sich um sehr normale Produkte handelt, die lediglich durch den Aufdruck “Schwangerschaft” eine dramatische Preissteigerung von über hundert Prozent erfahren haben. Mein Vorschlag, zum Beispiel die Lotion zur Erfrischung müder Schwangerenbeine mal eben durch das Verquirlen von japanischem Heilpflanzenöl mit Nivea selbst herzustellen, stieß aber auf vehemente Ablehnung. Es muß das Originalprodukt sein, mit der glücklichen Mutter auf der Packung und dem Beipackzettel voller Glücksversprechungen. Das teure Zeug riecht wie ein eher billiges Waschmittel und es hat die Konsistenz von Klebstoff mit Dickmilch. Meine Weigerung, das anzufassen, was ich nur als Limettenschleim bezeichnen kann, wird aber hartnäckig ignoriert. Abends geht die Herzdame ins Bett, strampelt mit dem pflegebedürftigen Beinen in der Luft und ruft unter Übernahme meines Vokabulars vergnügt: “Limettenschleim! Jetzt! Viel!” Ergeben verteile ich das seltsame Zeug auf den notleidenden Körperteilen der Herzdame, denn natürlich trachte ich unentwegt, ein guter Gatte zu sein und ja, schon klar, auch die Männer müssen etwas tun.

Das Produkt ist scheußlich, überteuert, mutmaßlich sinnlos und eklig anzufassen – aber es wird gerade für Schwangere empfohlen und sie möchte es einfach nicht mehr missen. Es ist ein sehr schöner Beweis: Werbung wirkt. Und wie.

Machen wir’s den Schwalben nach

In den letzten Wochen vor der Geburt, so sagt es die Ratgeberliteratur, gibt die Frau sich dem Nestbautrieb hin und packt den Koffer für den Aufenthalt im Krankenhaus. Dieser Nestbautrieb wirkt sich bei der Herzdame zum Beispiel dahingehend aus, daß ich einen schönen Sonnabend damit zubringe, die schweren Holzplatten auf dem Balkonboden neu auszurichten, mal links herum, mal rechts herum, mal überhaupt ganz anders. Es sind viele Holzplatten und es ist mühsam, sie neu zusammenzustecken. Meine dezenten Hinweise, daß die Platten in egal welcher Ausrichtung immer genau gleich aussehen und meine anschließenden Fluchtversuche beantwortet die Herzdame mit: “Ich soll mich hier doch wohlfühlen!”. Wer könnte da widersprechen.

Vielleicht würde ja auch das Laminat in der Wohnung besser aussehen, wenn es andersherum liegen würde? Etwa quer statt längs? Ich bin gespannt. Aber ich hatte ein wenig gehofft, der Nestbautrieb würde sich auf das Einsortieren der Babysöckchen in Kommodenschubladen oder das Anordnen von Kissen auf dem Sofa und dergleichen beschränken.

Hauptsache frische Luft

“In Hamburg wird es neue Straßencafés und mehr Plätze für die Freiluftgastronomie geben. Die Zahlen steigen überall. “(Hamburger Abendblatt vom 25.5.2007)