Merlix massiert

Kein Buch über Schwangerschaft, in dem nicht betont wird, wie wichtig es sei, die Frau unentwegt mit diversen Pflegeprodukten massierend einzureiben, damit es später keine Streifen, Dellen oder andere Folgeschäden gibt. Keine Hebamme, die nicht bei einem Beratungsgespräch zwischendurch mit kritischem Seitenblick auf den Gatten die Frau fragen würde: „Und? Wirst du auch schön massiert?“ Kein Geburtsvorbereitungskurs, in dem man nicht dauernd hören würde: „Ja, auch die Männer müssen etwas tun.“

Und natürlich tut der Mann etwas. Weisungsgemäß kaufe ich in erstaunlicher Vielfalt Pflegeprodukte in rosa Verpackung und zu verblüffenden Preisen, mit denen die Herzdame verwöhnt zu werden seit Monaten beansprucht. Wenn man sich die Inhaltsangaben auf den Schachteln genau durchliest, kommt man schnell zu dem Schluß, daß es sich um sehr normale Produkte handelt, die lediglich durch den Aufdruck „Schwangerschaft“ eine dramatische Preissteigerung von über hundert Prozent erfahren haben. Mein Vorschlag, zum Beispiel die Lotion zur Erfrischung müder Schwangerenbeine mal eben durch das Verquirlen von japanischem Heilpflanzenöl mit Nivea selbst herzustellen, stieß aber auf vehemente Ablehnung. Es muß das Originalprodukt sein, mit der glücklichen Mutter auf der Packung und dem Beipackzettel voller Glücksversprechungen. Das teure Zeug riecht wie ein eher billiges Waschmittel und es hat die Konsistenz von Klebstoff mit Dickmilch. Meine Weigerung, das anzufassen, was ich nur als Limettenschleim bezeichnen kann, wird aber hartnäckig ignoriert. Abends geht die Herzdame ins Bett, strampelt mit dem pflegebedürftigen Beinen in der Luft und ruft unter Übernahme meines Vokabulars vergnügt: „Limettenschleim! Jetzt! Viel!“ Ergeben verteile ich das seltsame Zeug auf den notleidenden Körperteilen der Herzdame, denn natürlich trachte ich unentwegt, ein guter Gatte zu sein und ja, schon klar, auch die Männer müssen etwas tun.

Das Produkt ist scheußlich, überteuert, mutmaßlich sinnlos und eklig anzufassen – aber es wird gerade für Schwangere empfohlen und sie möchte es einfach nicht mehr missen. Es ist ein sehr schöner Beweis: Werbung wirkt. Und wie.

Machen wir’s den Schwalben nach

In den letzten Wochen vor der Geburt, so sagt es die Ratgeberliteratur, gibt die Frau sich dem Nestbautrieb hin und packt den Koffer für den Aufenthalt im Krankenhaus. Dieser Nestbautrieb wirkt sich bei der Herzdame zum Beispiel dahingehend aus, daß ich einen schönen Sonnabend damit zubringe, die schweren Holzplatten auf dem Balkonboden neu auszurichten, mal links herum, mal rechts herum, mal überhaupt ganz anders. Es sind viele Holzplatten und es ist mühsam, sie neu zusammenzustecken. Meine dezenten Hinweise, daß die Platten in egal welcher Ausrichtung immer genau gleich aussehen und meine anschließenden Fluchtversuche beantwortet die Herzdame mit: „Ich soll mich hier doch wohlfühlen!“. Wer könnte da widersprechen.

Vielleicht würde ja auch das Laminat in der Wohnung besser aussehen, wenn es andersherum liegen würde? Etwa quer statt längs? Ich bin gespannt. Aber ich hatte ein wenig gehofft, der Nestbautrieb würde sich auf das Einsortieren der Babysöckchen in Kommodenschubladen oder das Anordnen von Kissen auf dem Sofa und dergleichen beschränken.