Die Würden der Vaterschaft

Seit unser Nachwuchs da ist, muß irgend etwas mit meiner Ausstrahlung passiert sein. Eine mysteriöse Änderung. Wahrscheinlich wirke ich jetzt schlagartig würdevoller, seriöser, erhabener, sehe deutlich mehr nach rudelführendem Silberrücken aus – nun ja, zumindest so in der Richtung. Oder wie ist es sonst zu erklären, daß mich die dreijährige Tochter der schönen Nachbarin gestern “Opa” genannt hat?

Die Romantik des Stillens

“Die Romantik des Stillens wird ja maßlos überschätzt”, sagte die Herzdame und klappte das Buch auf ihrem Schoß zu.

In den Ratgeberbüchern sind immer sehr lieb lächelnde Kinder abgebildet, die in einem rosa umflorten Zimmer an einer mütterlichen Brust friedlich nuckeln, während die huldvoll Nährende sinnend zu ihrem Heiligenschein aufblickt und leicht den Hinterkopf des wonniglichen Babys streichelt, wobei vor dem Fenster eine milde Sonne hinter den gepflegten Hecken der Vorstadt versinkt. Ein Idyll erster Klasse. Die Wirklichkeit, liebe Freunde der Fortpflanzung, die Wirklichkeit sieht anders aus, zumindest bei uns.

Unser Sohn hält es für sinnvoll, im Falle einer Hungerattacke den Busen der Mutter minutenlang mit wutverzerrtem Gesicht anzubrüllen um dann, wenn man ihm nicht die Händchen rechtzeitig ein wenig festhält, ein paarmal kräftig dagegen zu boxen. Nach diesen seiner Meinung nach vermutlich milchbildenden Maßnahmen verschwindet ein unfaßbar großer Anteil des Busens in seinem bedrohlich weit aufgesperrten Schnabel, er saugt gierig und hektisch, wobei er die Augen angestrengt zukneift und hochkonzentriert nach Arbeit oder Leistungssport aussieht. Nach einer ziemlich langen Weile, wenn sein Bäuchlein schon kugelig hervorzutreten scheint und man zu fürchten beginnt, das Kind könnte in wenigen Minuten platzen, wird das Saugen allmählich langsamer und langsamer, bis sein Kopf schließlich mit einem zufriedenen Rülpsen nach hinten kippt, es atmet einmal tief durch und fängt dann übergangslos an zu schnarchen. Dabei bewegen sich weiter unten die unverwertbaren Reste der vorletzten Mahlzeit geräuschvoll windelwärts.

Wirklich sehr romantisch.

Fortschritte

Das erste Mal die Windeln draußen, in freier Wildbahn gewechselt. Das erste Mal mit Kinderwagen auf einer Rolltreppe. Das erste Mal den Kinderwagen eine nicht rollende Treppe hochgeschleppt. Das erste Mal ein Telefonat beendet, weil mit schreiendem Kind auf dem Arm eh nichts zu verstehen war. Weiß immer noch nicht, wer dran war.

Eine Hupe für den Kinderwagen bestellt.

Man arbeitet sich so ein.

Sag was

Wir saßen auf dem Steg und langweilten uns, Sarah, Stefan, Bente und ich. Unter normalen Umständen wäre es uns nie eingefallen uns zu langweilen, aber wenn Erwachsene Sätze wie “Geht spielen” benutzten, wurden wir immer sehr einfallslos. “Geht spielen” hatten sie zu Sarah, Stefan und mir gesagt, “und nehmt Bente mit”. Bente war etwas jünger als wir und guckte unentwegt so, als hätte man sie gerade ganz furchtbar erschreckt, auch wenn gar nichts war. Sie war die Tochter einer neuen Freundin meiner Mutter und immer, wenn die zu Besuch kam, zogen wir mit der Tochter, die eigentlich doch zu klein für uns war, zum Strand. Es war so eine Sache, mit der Gastfreundschaft. Bente sprach nicht, nie, kein einziges Wort. Als ihr betrunkener Vater einmal in einem Wutanfall alle ihre Stofftiere im Kamin vor ihren Augen verbrannte, hatte sie einfach aufgehört zu sprechen. Das war schon über ein Jahr her, aber seitdem sah sie mit einem dauerhaften Ausdruck ungläubigen Staunens in die Welt und sagte lieber nichts mehr. Die Mutter von Bente war nach diesem Vorfall in ein Frauenhaus gezogen, was die Erwachsenen immer ganz besonders leise aussprachen und besonders betonten, wir wußten gar nicht recht warum. Was war an einem Haus, in dem nur Frauen und Kinder lebten, so schlimm? Gelegentlich besuchte sie meine Mutter und dann hörten wir Kinder unweigerlich bald: “Geht spielen – und nehmt Bente mit”, denn Bentes Mutter und die anderen Freundinnen führten immer sehr ernste Gespräche, bei denen sie uns ausdrücklich nicht dabei haben wollten. Wir gingen hinunter zum Strand.

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