Die Würden der Vaterschaft

Seit unser Nachwuchs da ist, muß irgend etwas mit meiner Ausstrahlung passiert sein. Eine mysteriöse Änderung. Wahrscheinlich wirke ich jetzt schlagartig würdevoller, seriöser, erhabener, sehe deutlich mehr nach rudelführendem Silberrücken aus – nun ja, zumindest so in der Richtung. Oder wie ist es sonst zu erklären, daß mich die dreijährige Tochter der schönen Nachbarin gestern “Opa” genannt hat?

Lesen

Cem und Percanta haben mit sehr freundlichen Worten einige Fragen an mich weitergereicht. Hier meine Antworten:

Liest Du gerne?
Ja, natürlich.

Wenn ja, welches Genre?
Wo es mich gerade hintreibt. Mit Ausnahmen: Keine Fantasy-Bücher, kein Science-Ficiton, keine historischen Romane. Sehr viel aus Deutschland, England und Frankreich aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Viele Kochbücher. Jeden Morgen ausführliche Presseschau deutscher Zeitungen, sofern sie denn online verfügbar sind, ich kaufe keine Zeitungen. Viele Blogs (siehe rechte Spalte). Nahezu alles, was an astrologischen Fachbüchern erscheint.

Dein letztes Buch hieß wie?
“Der Knüller”, von Evelyn Waugh. Was ich gerade lese, sieht man auch immer in der rechten Spalte. Unter der Rubrik “Merlix empfiehlt” findet man stets das, was tatsächlich gerade auf meinem Nachttisch liegt.

Würdest Du es weiterempfehlen?
Unbedingt! Und beim Stichwort Empfehlung füge ich hinzu: Man hat nie genug Simenon gelesen. Und Joseph Roth nie oft genug.

Warum hast Du Dir genau dieses Buch zugelegt?
Ich lese gerade alles von Evelyn Waugh. Großartig. Allgemein bekannt ist von ihm ist leider nur noch “Wiedersehen mit Brideshead”, durch die hervorragende TV-Verfilmung, aber auch die anderen Werke lohnen.

Welches war das miserabelste Buch, das Du je in der Hand hattest?
Unmöglich zu sagen – ich habe längere Zeit in einem Antiquariat und in Bibliotheken gearbeitet, da begegnet einem unfaßbar schlechtes Zeug in rauhen Mengen.

Bist Du ein Bücherquäler? Entsorgst Du z.B. die Schutzumschläge, machst Eselsohren oder besudelst die Seiten?
Nein. Ich betrachte Bücher heute noch als potentielle Ware, daher beschädige ich sie nicht.

Was machst Du mit den Büchern, wenn Du sie gelesen hast?
Wenn sie sehr gut waren, kommen sie ins Regal, ohne Perfektion nach Ländern und Epochen sortiert, wenn sie mäßig oder schlecht waren, werden sie sofort wieder verkauft. Bücher zu verkaufen bleibt verlockend.

Die Romantik des Stillens

“Die Romantik des Stillens wird ja maßlos überschätzt”, sagte die Herzdame und klappte das Buch auf ihrem Schoß zu.

In den Ratgeberbüchern sind immer sehr lieb lächelnde Kinder abgebildet, die in einem rosa umflorten Zimmer an einer mütterlichen Brust friedlich nuckeln, während die huldvoll Nährende sinnend zu ihrem Heiligenschein aufblickt und leicht den Hinterkopf des wonniglichen Babys streichelt, wobei vor dem Fenster eine milde Sonne hinter den gepflegten Hecken der Vorstadt versinkt. Ein Idyll erster Klasse. Die Wirklichkeit, liebe Freunde der Fortpflanzung, die Wirklichkeit sieht anders aus, zumindest bei uns.

Unser Sohn hält es für sinnvoll, im Falle einer Hungerattacke den Busen der Mutter minutenlang mit wutverzerrtem Gesicht anzubrüllen um dann, wenn man ihm nicht die Händchen rechtzeitig ein wenig festhält, ein paarmal kräftig dagegen zu boxen. Nach diesen seiner Meinung nach vermutlich milchbildenden Maßnahmen verschwindet ein unfaßbar großer Anteil des Busens in seinem bedrohlich weit aufgesperrten Schnabel, er saugt gierig und hektisch, wobei er die Augen angestrengt zukneift und hochkonzentriert nach Arbeit oder Leistungssport aussieht. Nach einer ziemlich langen Weile, wenn sein Bäuchlein schon kugelig hervorzutreten scheint und man zu fürchten beginnt, das Kind könnte in wenigen Minuten platzen, wird das Saugen allmählich langsamer und langsamer, bis sein Kopf schließlich mit einem zufriedenen Rülpsen nach hinten kippt, es atmet einmal tief durch und fängt dann übergangslos an zu schnarchen. Dabei bewegen sich weiter unten die unverwertbaren Reste der vorletzten Mahlzeit geräuschvoll windelwärts.

Wirklich sehr romantisch.