Sag was

Wir saßen auf dem Steg und langweilten uns, Sarah, Stefan, Bente und ich. Unter normalen Umständen wäre es uns nie eingefallen uns zu langweilen, aber wenn Erwachsene Sätze wie “Geht spielen” benutzten, wurden wir immer sehr einfallslos. “Geht spielen” hatten sie zu Sarah, Stefan und mir gesagt, “und nehmt Bente mit”. Bente war etwas jünger als wir und guckte unentwegt so, als hätte man sie gerade ganz furchtbar erschreckt, auch wenn gar nichts war. Sie war die Tochter einer neuen Freundin meiner Mutter und immer, wenn die zu Besuch kam, zogen wir mit der Tochter, die eigentlich doch zu klein für uns war, zum Strand. Es war so eine Sache, mit der Gastfreundschaft. Bente sprach nicht, nie, kein einziges Wort. Als ihr betrunkener Vater einmal in einem Wutanfall alle ihre Stofftiere im Kamin vor ihren Augen verbrannte, hatte sie einfach aufgehört zu sprechen. Das war schon über ein Jahr her, aber seitdem sah sie mit einem dauerhaften Ausdruck ungläubigen Staunens in die Welt und sagte lieber nichts mehr. Die Mutter von Bente war nach diesem Vorfall in ein Frauenhaus gezogen, was die Erwachsenen immer ganz besonders leise aussprachen und besonders betonten, wir wußten gar nicht recht warum. Was war an einem Haus, in dem nur Frauen und Kinder lebten, so schlimm? Gelegentlich besuchte sie meine Mutter und dann hörten wir Kinder unweigerlich bald: “Geht spielen – und nehmt Bente mit”, denn Bentes Mutter und die anderen Freundinnen führten immer sehr ernste Gespräche, bei denen sie uns ausdrücklich nicht dabei haben wollten. Wir gingen hinunter zum Strand.

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