Kinderlieder

Die Herzdame hat nach bedeutender Selbstüberwindung ein Kinderliederbuch bestellt, denn weder sie noch ich sind als sehr kompetent zu bezeichnen, was so etwas angeht. Ich dachte bisher allerdings immer, ich könnte wenigstens die einfachen Sachen, so etwa “Alle meine Entchen” und dergleichen – was eben jeder kann.

Ein Blick in das Buch läßt mich aber erschüttert feststellen: “Alle meine Entchen” hat zwei Strophen! Ich würde jeden Eid ablegen, von der zweiten noch nie im Leben etwas gehört zu haben. Unfaßbar.

Nachts

Ein Polizeiauto fährt mitten in der Nacht an unserem Haus vorbei, es biegt an der Ecke nach rechts ab, fährt um den Block, ein kurzes Stück an der Alster entlang und kommt dann gleich noch einmal die Straße hoch, immer wieder und wieder. Die Reifen quietschen in den Kurven und es hat eine seltsam kaputte Sirene, sie klingt nicht so kräftig wie sonst, sie ist schwächer, dünner, elender – fast klingt sie wie ein weinendes Baby. Fast klingt sie sogar wie unser Baby. Ich wache auf.

Es ist drei Uhr sechsundzwanzig, Regen und heftiger Wind am Dachfenster, das Baby weint, die Herzdame schnarcht. Ganz friedlich und ungerührt liegt sie da, gleichmäßig und tief geht ihr etwas lauter Atem, von Regentropfen zersplittertes Mondlicht spielt um ihre Nase. Das Baby weint, ich überlege wer ich bin, wo ich wohne und wieviel Arme und Beine ich wohl habe, es ist drei Uhr siebenundzwanzig. Die rechte Hand der Herzdame hebt sich wie von einem Faden hochgezogen vom Laken, geisterhaft schwebt sie über der Bettdecke, der Zeigefinger klappt aus wie bei einer beweglichen Puppe und zeigt auf das Kind. Sie schnarcht dabei leise weiter und sieht aus, als würde sie seit Wochen im Koma liegen. Ihre Hand bewegt sich sachte vor und zurück, der Zeigefinger stupst immer wieder in die Luft, dahin, wo das weinende Baby liegt. Der Mund der Herzdame bewegt sich jetzt sacht, ganz leicht kräuseln sich die Lippen und ich höre einen ganz leisen, nur hingehauchten, kaum wahrnehmbaren, aber doch gut erkennbaren, gekonnt nachgemachten Babyfurz. Die Lippen der Herzdame entspannen sich wieder, der Finger klappt ein, die Hand sinkt sanft zurück auf die Bettdecke, sie schnarcht leise weiter, wie sie es seit Stunden tut, das Mondlicht verweilt auf ihrer schlafglatten und von keinem störenden Gedanken getrübten Stirn.

Es ist drei Uhr achtundzwanzig. Ich gehe das Baby windeln.

Überschlagsrechnung

“Gesunde Säuglinge schreien durchschnittlich zwei bis drei Stunden pro Tag.” (Aus einer Broschüre unserer Krankenkasse).

Toll, dann haben wir das Geschrei für die nächsten sechs Tage ja heute schon erledigt. Hauptsache der Mittelwert stimmt.

Haarige Nachrichten

Unser Sohn folgt erstaunlichen Vorbildern. Das, was da auf seinem Kopf langsam als Frisur sprießt, sieht von hinten stark nach einem bestimmten Vogel aus, von vorne aber verblüffend nach einer vormals sehr bekannten Auslandsreporterin. Seltsam.