Neu auf dem Nachttisch

W. Somerset Maugham: Die Macht der Umstände – Erzählungen. Deutsch von Mimi Zoff, Kurt Wagenseil, Helene Mayer und Felix Gasharra.

Die erste der Erzählungen beginnt so:

“Es gibt wenige Bücher auf der Welt, die mehr an gediegenem Lesestoff enthalten als die “Sailing Directions”, die im Auftrag der Admiralität vom hydrographischen Department herausgegeben werden. Es sind stattliche Bände, in verschiedenfarbenes Leinen eingebunden (ziemlich dürftig), und der teuerste von ihnen ist billig. Für vier Shilling kann man den “Yangtse Kiang Pilot” kaufen, “enthaltend Schiffahrtsanweisungen für den Yangtse Kiang, vom Wusungfluß bis zum äußersten schiffbaren Punkt, einschließlich des Han Kiang, des Kialing Kiang und des Min Kiang sowie eine Beschreibung dieser Flüsse”; und für drei Shilling bekommt man den Teil III des “Eastern Archipelage Pilot”, “umfassend den nordöstlichen Teil der Celebes-Molucca- und Gilolo-Passagen, die Banda und Arafura See und die nördliche, westliche und südwestliche Küste von Neuguinea”. Aber es ist nicht ratsam, dies zu tun, wenn man ein Mensch mit festen Gewohnheiten ist, in die man keine Störung bringen möchte, oder wenn man eine Beschäftigung hat, die einen an einen bestimmten Ort bindet.”

Kinder machen stark

Ein weinendes Baby, das durch Stillen und Kuscheln nicht zu beruhigen ist, trägt man natürlich durch die Wohnung. Man trägt es eine Runde durch das Wohnzimmer, macht einen Abstecher in die Küche, durch den Flur, mal eben auf den Balkon, macht sogar Licht im Schlafzimmer an – immer in der Hoffnung, das Kind möge unterwegs etwas Interessantes entdecken, so daß es vor Begeisterung über den Anblick schlagartig aufhört zu weinen, ein strahlendes Lächeln aufleuchtet und das Kind ganz hingerissen von einem tollen Gegenstand die schlechte Stimmung vergißt.

Man sollte dabei nicht den Fehler machen, das Kind hochzuheben, damit es etwas entferntere Gegenstände besonders gut sehen kann. Etwa die Bücher ganz oben im Regal, die rote Vase, die daneben steht, den Kronleuchter an der Decke oder die Salatschale auf dem Küchenschrank. Kinder neigen dazu, fatalerweise genau das spannend, aufregend und ablenkend zu finden, was sie nur dann sehen können, wenn man sie gerade mit ausgestreckten Armen über den Kopf gehoben hat. Dann steht man in etwas seltsamer Pose, als würde man dem Küchenschrank einen frisch gewonnenen Pokal präsentieren und hält den plötzlich vergnügten  Nachwuchs mit schnell müde werdenden Armen deckenwärts. Unser Sohn wiegt gerade 6,3 Kilo und die Zeit, in der ich noch Kraftsport gemacht habe, liegt weit zurück.

Die Arme sinken, zentimeterweise, denn man will das Kind ja nicht plötzlich von dem gerade erst gefundenen und so großartigen Gegenstand wegreißen, das Kind schreit schon nach einer minimalen Abwärtsbewegung wie am Spieß. Man streckt die Arme wieder energisch durch, das Kind lächelt und schweigt, den Blick starr auf die geschmacksverirrte Salatschale in 70er-Jahre-Orange gerichtet. Die Arme zittern, kleine Ausfallschritte links und rechts, man tänzelt ein wenig herum und fühlt sich fatal an die Zeiten erinnert, als man noch Zimmerantennen links oben in die Wohnzimmerecke Richtung West-Nordwest halten mußte („bleib so, bleib so!“), nur waren die Dinger damals nicht so schwer.

Die Arme sinken, das Kind schreit. Die Salatschale wird vom Schrank genommen, vor das Kind gehalten und herumgeschwenkt, das Kind schreit. Die Salatschale zählt anscheinend nur, wenn sie von unten betrachtet werden kann. Die Salatschale wird auf den Küchentisch gelegt, der Vater auf den Boden, von seiner Brust aus hat der schreiende Sohn einen prima Blick nach oben, auf das ebenfalls schreiende Orange – keine Chance. Die Schale auf den Schrank, den Sohn nach oben gestemmt – Friede und Wohlgefallen. Eine überaus komplexe Frage von Blickwinkel und Position im Raum.

Sollte man irgendwann ein Remake von „Conan der Barbar“ drehen wollen – meine Schultermuskeln sind dann bald soweit.