Morgens

Es ist jeden Tag wieder aufs Neue umwerfend, wie außerordentlich gut gelaunt so ein Säugling sein kann. Es macht morgens die Augen auf, blickt interessiert in die gerade zurückweichende Dunkelheit und kreischt schon vor Vergnügen, einfach weil es Tag wird. Man stupst ihn leicht in die Wange und erzeugt wilde Begeisterungsstürme. Man schnipst mit den Fingern und wird angesehen, als wäre man ein Percussion-Gott. Man singt mit morgenrostiger Stimme ein beliebiges Liedchen und wird angehimmelt, als wäre man der nächste Pavarotti. Dann guckt das Kind die Wand an und strahlt ob der Vielfältigkeit der lustigen kleinen Hubbel auf der weißen Rauhfaser. Guckt auf den Teppich und beäugt mit amüsiertem Interesse herumliegende Krümel von allen Seiten. Hebt die Füße ins Blickfeld und untersucht in heller Freude die Beweglichkeit der Zehen. Rollt sich zur Seite und gerät völlig außer sich, weil da ganz überraschend die großartige Herzdame im Blickfeld liegt.

Könnte man doch noch einmal so gut gelaunt aufwachen, wie es ein Baby kann! Könnte man doch wieder so enthusiastisch einen Tag begrüßen! Könnte man doch heiter ins Büro gehen und dort zwei Stunden lang nichts als Spuckebläschen machen!

Na gut, der letzte Punkt ist vielleicht noch zu diskutieren.

Kleiner Hinweis an werdende Eltern

Wenn Sie gerade ein Mädchen erwarten, könnten Sie bitte verbindlich darauf verzichten, dieses Emma zu nennen? Ist Ihnen nicht klar, daß alle Mädchen, die im letzten Jahr geboren wurden, bereits Emma heißen? Gibt es gar keine anderen Namen mehr? Wie soll mein Sohn denn, wenn er später mal Mädchennamen in sein Handy speichert, die alle unterscheiden? Da er im jugendlichen Alter schwerlich zu den Nachnamen greifen wird, gibt er dann womöglich aus lauter Verzweiflung körperliche Merkmale der Mädchen ein, um sich nur ja irgendwie merken zu können, welche Emma zu welcher Nummer gehört und stellen Sie sich nur mal vor, die gerade Angebeteten gehen dann mal aus Neugier bei einem Date heimlich in das Adreßbuch seines Handys und finden dann ihre eigene Nummer da unter einem Eintrag, der womöglich in betont lässiger Wortwahl die Beschaffenheit ihres Pos beschreibt, ist ja immerhin denkbar, man kennt das Alter ja – können Sie sich vorstellen, was das dann für einen Ärger gibt?

Das können Sie doch nicht wollen.

Neu auf dem Nachttisch

Charles Dickens: Martin Chuzzlewit. Ins Deutsche übertragen von Gustav Meyrink, zuerst erschienen 1843. Der Roman beginnt so:

“Da sich begreiflicherweise niemand, weder Herr noch Dame, der einigermaßen auf guten Ruf hält, für die Familie Chuzzlewit interessieren kann, ohne nicht vorher über deren Alter uns Stammbaum Erkundigungen eingezogen zu haben, so sei hier versichert, daß die Chuzzlewits zweifellos in gerader Linie von Adam und Eva abstammten und schon in frühester Zeit zur Klasse der Grundbesitzer gehörten. Sollten daher Neidlingen einwenden, der eine oder andere Chuzzlewit habe jemals gar zu viel Familienstolz an den Tag gelegt, so wird man gewiß eine solche Schwäche nicht nur verzeihlich, sondern sogar löblich finden, wenn man bedenkt, wie hoch dieses Haus in Anbetracht seiner langen Ahnenreihe über allen anderen steht.”

Er oder ich

Es gibt Dinge, die man leider nicht in Frieden beleidigen kann, weil es einfach zu viele gute Freunde gibt, die sie besitzen. Zum Beispiel Zimmerspringbrunnen. Sie sind zwar sicherlich vollkommen indiskutable Horrorelemente der Innenausstattung, aber das kann ich hier leider unmöglich weiter vertiefen, denn ein paar der Menschen, die so etwas besitzen, stehen mir außerordentlich nahe und machen sonst einen sehr, sehr sympathischen und auch geistig klaren Eindruck. Also kein weiteres Wort zu der meist extrem kitschigen Ausführung in Rosenquarz, Stein vortäuschendem Kunststoff und ähnlich abscheulichen Materialien und nichts zu dem nervtötenden Geräusch des Wassers, das so klingt, als würde ein Hundewelpe in einen Suppenteller pullern – wobei dieser Vergleich zugegebenermaßen nur auf einem Verdacht, nicht aber auf Erfahrung beruht.

Die Herzdame teilt meine zweifellos korrekte Auffassung leider nicht, ganz im Gegenteil. So schickte sie mir gestern einen Link ins Büro, mit einer Online-Bestellmöglichkeit für so ein Plastikplätscherteilchen und der unmißverständlichen Aufforderung, ihr ein Exemplar umgehend zu schenken. Ich schrieb ohne die geringste Bedenkzeit, denn manchmal ist man ja ganz sicher und muß zu einer Überzeugung stehen, zurück: “Das Ding oder ich”, um dieses Thema schnell und gründlich wieder los zu sein.

Ich habe natürlich durchaus damit gerechnet, daß dieser Mail noch abendliche, anstrengende Debatten folgen würden. Nicht gerechnet habe ich mit der Antwortmail der Herzdame, die nach etwa vier Stunden kam: “Das war knapp.”