Als Sarahs Vater nach der Liebe fragte

Die Winter in Travemünde waren nicht eben unterhaltsam, schon gar nicht für Kinder. Alles hatte geschlossen, die Imbissbuden waren vernagelt, Cafés und Restaurants machten wochenlang Urlaub, im Yachthafen war nichts mehr los und die wenigen abgetakelten Boote, die dort noch übrig waren, dümpelten lustlos im Kielwasser der fast passagierlos auslaufenden Butterschiffe. Von den großen Fähren aus Dänemark, Schweden oder Finnland kamen kaum noch Reisende an Land und in dem Spirituosenladen am Skandinavien-Kai, in dem sich die ankommenden Schweden sonst sofort mit riesigen Mengen Alkohol eindeckten, saßen die Verkäuferinnen stundenlang untätig herum und langweilten sich furchtbar.

Mein Freund Stefan und ich, wir zogen an den Nachmittagen verfroren durch den Ort, probierten gelangweilt aus, ob wir in einen Imbiß einsteigen konnten, erkundeten mit klammen Fingern die vergessenen Werkzeugkisten auf brachliegenden Großbaustellen für neue, große Apartmenthäuser oder gingen zum Strand und warfen die angespülten Coladosen zurück in die sterbensgraue Ostsee. Möwen und Blesshühner sahen uns reglos dabei zu. Wir versuchten, die Münzfernrohre mit ausländischem Kleingeld zu täuschen und suchten den nassen Sand nach im Sommer verlorenen Schmuckstücken ab, die wir nie fanden. Man hätte schwimmen gehen können, in dem Thermal- und Wellenbad im Maritim-Hotel, aber das kostete Geld und ergab sich daher nur, wenn uns Erwachsene einluden. Die meisten Erwachsenen schienen aber im Winter nicht gerne schwimmen zu gehen. Stefan und ich hatten daher oft wochenlang keine Gelegenheit, in das Bad zu gelangen, es sei denn, wir schlossen uns Sarah an, die mit ihrer Großmutter Ernestine an jedem Mittwoch schwimmen ging. Ernestine zahlte mit verblüffender Selbstverständlichkeit für die Freunde ihrer Enkelin, sofern wir sie im Gegenzug reichlich mit Geschichten aus unseren Familien und über die amourösen Verwicklungen in der Nachbarschaft unterrichteten. Da wir es mit der Wahrheit dabei nicht sehr genau nahmen, war das zweifellos ein sehr gutes Geschäft.

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