Die Sinnfrage

Das Kind ist wach, sehr wach. Es ist fast immer wach. Wenn es wach ist, möchte es bespielt werden, und zwar nicht nebenbei, sondern gründlich. Der erwachsene Mensch neigt aber, selbst wenn er liebender Vater ist, nach drei, vier Stunden Dauerbekasperung des Nachwuchses leider manchmal etwas zur Ermüdung, was augenblicklich wütendes Geschrei zur Folge hat. Als das Kind gestern abend auch gegen zwölf Uhr noch in allerdeutlichster Munterkeit auf meinem Schoß herumturnte und ich es allmählich doch satt hatte, seine Gesprächsbeiträge à la „dada“ und „gögö“ wieder und wieder in ähnlichem Wortlaut zu beantworten, habe ich, weil mir gerade nichts anderes einfiel, angefangen, dem Sohn von meinem Beruf zu erzählen. Das Kind schätzt es nämlich im Allgemeinen sehr, wenn man ihm etwas erzählt.

Ich habe ihm also eine kleine Grundeinführung in Controlling und Buchhaltung gegeben, unter besonderer Berücksichtigung der Deckungsbeitragsrechnung. Nach nur etwa vier Minuten Vortrag kippte der Kopf des Kindes nach hinten, es schnarchte leise und war in den nächsten sieben Stunden nicht mehr wach zu bekommen. Ein ebenso ungewohnter wie friedlicher Anblick, so ein schlafendes Kind.

Heute abend erkläre ich ihm den Unterschied zwischen fixen und variablen Kosten, vielleicht reicht das ja, wenn ich noch besonders auf die Grenzkostenbetrachtung eingehe, sogar für acht Stunden Schlaf.

Und so kommen auch Menschen wie ich endlich, endlich zu dem wunderschönen Gefühl, einen richtig sinnvollen Job zu haben.

20 Kommentare

  1. Geniale Idee! Übe die selbige Profession wie Sie aus und werde unserem Filius eine kleine Einführung in die Welt der Kennzahlen zuteil werden lassen. Ts, ts – warum bin ich da nicht selber daraufgekommen – wirkt doch eigentlich im Job immer?

  2. Ganz großartig.
    Bitte dieses Blog noch in 15 Jahren betreiben, mich würde interessieren, ob diese wirtschaftsmathematische Frühsterziehung im Sohn einen Grundstein gelegt hat und wenn ja, wofür.

  3. Grossartig! Herrlich morgens um viertel nach sechs schon einen lachanfall zu haben 🙂

    Gruss Monica

  4. Ach Herr Merlix, ich bin heute tatsächlich auf noch eine Methode gestoßen das Kind sanft in das Land der Träume zu befördern. Hier am südlichen Ende von Deutschland pflegen wir zwischen Weihnachten und Dreikönig den Brauch des „Christbaumlobens“, wobei man von Haus zu Haus zieht um den jeweiligen Weihnachtsbaum bzw. die Krippe lobend zu begutachten und – wenn notwendig – eventuell auch „schön zu trinken“. Unser Sohn erhielt heute seine erste Unterweisung in puncto Brauchtumspflege und ist prompt quasi ohnmächtig in sein Bettchen gefallen. An welchem Anblick es wohl lag – dem der Bäume oder der Alkoholika?

  5. Was ist aus der Maxime geworden, wenn jemand aus der Branche Nachwuchs bekommt, von der ich glaubte, dass sie auch jenseits des Weißwurstäquators gültig wäre: Kind am Anfang nicht mit buchhalterischem Unfug schrecken!

  6. Es könnte sich dabei versehentlich eine hypnotische Verankerung manifestieren, und wie sieht das denn aus in 15 Jahren, wenn dein Sohn in Wirtschaftskunde bei jeder Erwähnung des Triggerwortes ‚Verlustvortrag‘ in eine traumlose Ohnmacht fällt?

  7. Das kenne ich gut. Und dieses Phenomen ist noch nach Jahren sehr nützlich.
    Wenn mein Monster nicht einschlafen kann, lese ich ihm eine Liste mit den verschiedensten Gift- und Speisepilzen vor oder die Rubrik Suche und Biete ( besonders wirksam sindYugioh Karten Gesuche !)

  8. Nachtrag… mit Sinn hat die Methode, aber ehrlich gesagt nicht fiel zu tun, sondern mit mit dem Aufsagen vieler dem Kind nicht unbedingt sinngebender Worte.
    Entschuldigen sie, dass ich sie enttäuschen muss…

  9. Habe diesen Tipp gleich an den meinigen Mann und demnächst werdenden Vater weitergegeben – der ist Informatiker und kann wunderbarst über Bugfixing und Serverkonfigurationen referieren!

  10. Ich möchte den Trick übrigens bestätigen. Selbst mir als Fachfremden gelang es, den Kleinen neulich allein durch die Nennung des Wortes „Verlustvortrag“ vom Greinen abzulenken. Sehr erstaunlich.

  11. Wann erscheinen die Vorträge als MP3?

    Ich hätte da noch ein paar Kandidaten für deren Anwendung…

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.