Guten Morgen

Morgens halb sieben, der Sohn krabbelt grußlos und unverständliches Zeug vor sich hermurmelnd aus seinem Zimmer an mir vorbei ins Wohnzimmer, knallt die Tür hinter sich zu und kramt in den CDs.

Und ich dachte immer, dieses Stadium erreichen sie erst mit fünfzehn oder sechzehn Jahren.

Neu auf dem Nachttisch

Georges Simenon: das blaue Zimmer. Deutsch von Angela Hagen. Der Roman erschien zuerst 1964 und beginnt so:

“Hab ich Dir wehgetan?”
“Nein.”
“Bist du mir böse?”
“Nein.”
Das stimmte. In diesem Augenblick stimmte alles, denn er gab sich ganz dem momentanen Erlebnis hin, ohne sich Fragen zu stellen, ohne zu versuchen, etwas zu verstehen, ohne zu ahnen, daß es eines Tages etwas zu verstehen geben würde. Es stimmte nicht nur alles, es war auch alles wirklich: er, das Zimmer, Andrée, die immer noch ausgestreckt auf dem zerwühlten Bett lag, nackt, mit offenen Schenkeln und mit dem dunklen Fleck ihrer Scham, aus der ein Samenfaden rann.”

Mehr davon

Wenn man als Erwachsener ein Brötchen ißt, bleibt davon fast nichts übrig, außer einigen wenigen Krümeln, die man mit einer Handbewegung komplett beseitigen kann. Wenn dagegen unser Sohn ein Brötchen ißt, verschwindet nur etwa ein Viertel davon, der Rest wird in feuchten Brötchenbrei von ausgesprochen scheußlicher Konsistenz verwandelt und großzügig auf Möbel, Wände und Anwesende verteilt. Wenn man diese feuchten Breiklumpen dann wieder zusammenfügt, ergeben sie entgegen aller Erwartung und Logik genug Masse, um daraus etwa drei neue Brötchen zu backen.

Und wenn man in etwa zwei Meter Entfernung am essenden Sohn vorbei geht, hat man hinterher, auch wenn man sehr schnell ist und das Kind sich gar nicht bewegt hat, breiige Speisebröckchen an der Kleidung – und zwar womöglich auch auf der kindabgewandten Seite. Man kann es nicht erklären, man kann es nur hinnehmen.

Wenn man sich also fragt, warum Eltern immer sagen “Man bekommt soviel zurück” – nicht immer gleich an emotionale Aspekte denken.

Neu auf dem Nachttisch

Wolf Haas: Wie die Tiere. Der Roman erschien zuerst 2001 und beginnt so:

“Jetzt ist schon wieder was passiert. Und manchmal beneide ich die Vögel, die über dem Augarten kreisen und von der ganzen Sache nichts wissen. Weil als Vogel hast Du die berühmte Perspektive, du drehst deine Parkrunden, immer schön majestätisch. Du steigst vom Flakturm mitten im Augarten in die Luft und läßt die Liegewiesen unter dir vorbeiziehen, die Kinderspielplätze und die Hundezonen. Du schaust dir die Fußballfelder an, kreist mit der roten Laufbahn um die Wette, und über das blaue Kinderschwimmbad kommst du in den waldigen Teil hinüber mit den kreuz und quer laufenden Irrwegen. Da hast du als Krähe oder Mauersegler alles so schön im Blick, daß du aus der Distanz jeden auslachst, der wegen ein bißchen Mord die Fassung verliert.”