Der gute Start

Ein ganz normaler Morgen, wäre da nicht dieses Klopfgeräusch. Ich stehe in der Küche und trinke meinen ersten Kaffee, sehe aus dem Fenster und denke “Regen”, denn allzuviel denke ich vor dem ersten Kaffee noch nicht. In den Häusern gegenüber ist noch nirgendwo Licht, der Himmel ist dunkelgrau, eine verstimmte Amsel schimpft leise von einem Dach. Von irgendwoher klopft es. Es klopft sogar ziemlich hartnäckig, ganz so als würde jemand am frühen Morgen schon irgendwo im Haus Bilder an die Wand nageln oder als würde jemand unentwegt mit einem Schuh auf den Boden hauen. “Die spinnen, die Nachbarn”, denke ich, denn nach dem ersten Schluck Kaffee erinnere ich mich allmählich an meine Muttersprache.

Der Regen läuft am Küchenfenster herunter, in den Spinnennetzen davor glitzern und zittern die Tropfen. Die Bäume und Büsche auf dem Spielplatz unten glänzen im frischen Naß. Es klopft weiter und eine Stimme ruft dazu. Eine Frauenstimme, die ziemlich wütend klingt und wenn ich genau hinhöre, klingt sie so, als würde sie meinen Namen rufen und dazu eine beachtliche Auswahl von Schimpfwörtern. “Herzdame”, denke ich und sehe mich jetzt mal im Rest der Wohnung um, denn man weiß ja gern, warum man beschimpft wird. Im Wohnzimmer steht ein sehr vergnügter Sohn und stemmt sich von innen gegen die Balkontür. Auf dem Balkon steht eine sehr naßgeregnete Herzdame im Nachthemd, die offensichtlich schnell mal die Wäsche aus dem Regen retten wollte und die nun nicht wieder hereinkommen kann, weil dann der Sohn nach hinten von der Balkontürschwelle fallen würde – wahrscheinlich auf den Kopf, denn die Schwelle ist hoch. Eine Mutter riskiert so etwas nicht. Die Herzdame klopft, ruft und zittert ein wenig, der Sohn ruft auch, nur viel fröhlicher.
“Na, spielt ihr schön?” frage ich die beiden. Die verregnete Herzdame macht mit Gesten verschiedene Mordarten nach, der Sohn strahlt mich an und zeigt auf seine Mutter, die ihm heute morgen ganz besonders lustig vorkommt.

Was wäre ein Morgen ohne Familie.

Väterferiendeutsch

“Das Entertainment meiner Kids kann ich nur mit externen Ressourcen realisieren.”

(Heute in der Kantine, Gespräch am Nachbartisch unter Angestellten einer Versicherung. Zustimmendes Nicken seiner Kollegen.)

Heißer Tag, kalte Premiere

Ein mißtrauischer Blick. Ein ganz vorsichtiges Näherkommen, ein langes, prüfendes Ansehen. Riechen. Von links gucken, von rechts gucken, mit dem Zeigefinger anstupsen. Von unten gucken. Längere Zeit beobachten, was andere damit machen. Unbeteiligt tun und gelegentlich heimlich über die Schulter sehen. Schließlich ganz vorsichtig noch einmal näherkommen, rüberbeugen. Mit der Oberlippe berühren, die Zunge millimeterweise ausfahren, anlecken und dann, was soll’s, man ist ja kein Feigling, ein beherzter Biß. Schmecken. Staunen.

Die Augenbrauen sausen stirnwärts, die Mundwinkel erreichen ungeahnte Höhen, in den Augen glimmt es, die Beine können hüpfen wie nie, die Hände greifen nach mehr, mehr, mehr.

Das erste Eis im Leben ist schon etwas Besonders.

Neu auf dem Nachttisch

Honoré de Balzac: Vater Goriot. Aus dem Französischen von Gisela Etzel. Der Roman erschien zuerst 1835 und beginnt so:

“Madame Vouquer, geborene de Conflans, ist eine alte Frau, die seit vierzig Jahren in Paris in der Rue Neuve-Sainte-Geneviève zwischen dem Quartier Latin und dem Faubourg Saint-Marceau eine gutbürgerliche Pension führt. Diese Pension, die unter dem Namen “Haus Vauquer” bekannt ist, nimmt Männer und Frauen, junge und alte Leute auf, ohne daß jemals die Moral jenes achtbaren Hauses angezweifelt worden wäre. Aber man hatte auch seit dreißig Jahren kein junges Mädchen dort erblickt, und wenn sich ein junger Mann hier einmietete, so mußte er schon einen recht mageren Wechsel haben. Dennoch befand sich im Jahr 1819, zur Zeit, als das Drama, das ich hier erzählen will, begann, ein armes junges Mädchen dort.”

Sonntagsväter

Während sich Väter an den Werktagen auf dem Spielplatz eher nicht blicken lassen, auch nicht nach Büroschluß, betreiben viele Frauen anscheinend Sonntagsboykott und schicken Ihre Männer an diesem Tag mit dem Nachwuchs alleine draußen spielen. An den Gesprächen, die die Herren dort mit den Kindern führen, kann man dann manchmal sehr schön die Besonderheiten der elterlichen Beziehung ablesen.

Ein Vater schaukelt sein Kind, das stark gelangweilt ist, weil es nicht doll genug geschaukelt wird. Der Vater will und will einfach nicht verstehen, daß man doch bis zum Himmel schaukeln muß, damit es richtig Spaß macht – er läßt eher unangebrachte Vorsicht walten und schubst nur dezent. Schließlich macht das Kind einfach die Augen zu, legt den Kopf nach hinten und singt halblaut und im Takt des schleppenden Schaukelschwungs: “Om… om… om.”

Der Vater hört einen Moment genau hin und fragt dann sehr scharf: “Om? Oh nee, was für eine Esoterik-Scheiße hat dir deine Mutter da wieder beigebracht?”