Elternzeit (6)

Ein kleiner, dicker Junge mit langen blonden Haaren und einem sehr verheulten Gesicht nimmt meine Hand, guckt zu mir hoch und fragt: “Papa?” “Nein”, sage ich, “ich bin nicht dein Papa”. Der Junge guckt mich entsetzt an, heult weiter, dreht sich um und geht.

Ein kleines Mädchen mit sehr viel Spaghettisoße an den Fingern reicht mir ein Bilderbuch und sagt sehr bestimmt “Lesen!”. Das Buch heißt “Bald ist Ostern”. Ich sage “Hm, aber jetzt kommt doch erstmal Weihnachten, oder?” Das kleine Mädchen guckt mich irritiert an, Tränen steigen in die Augen, es dreht sich um und geht weg.

Ein kleiner Junge, dem die Hose in den Kniekehlen hängt und der mit einer Hand lässig in seiner Windel gräbt, guckt mich eine Weile kritisch an, kommt zögernd ein paar Schritte näher und fragt dann: “Mama?” “Klar”, sage ich, “wenn du willst, bin ich die Mama.” Der Junge guckt entsetzt, dreht sich um und geht zu der Kindergärtnerin. Flüstert ihr etwas ins Ohr. Die Kindergärtnerin guckt mich seltsam an.

Ich frage mich seit Tagen, wer hier wohl eine Krippeneingewöhnungszeit braucht, der Sohn oder ich.

Rein damit

Wir dachten schon ernsthaft, der Sohn wäre ein schlechter Esser. Nachdem wir monatelang versucht hatten, endlich zu ergründen unter welchen Bedingungen er wohl einmal bereit wäre, eine halbwegs vernünftige Menge einer beliebigen Mahlzeit zu sich zu nehmen und daran schließlich vollkommen ergebnislos gescheitert sind, hatten wir uns schon mit dem Gedanken angefreundet, dem Kleinen eine Art Buffet bodennah hinzustellen, mit diversen babygerechten Snacks, aus denen er im Laufe des Tages ein paar Bissen hätte wählen können, ohne uns weiter mit seiner Unentschlossenheit zu nerven, ganz ähnlich wie man etwa Katzen ein paar Brekkies hinstellt oder dem Karnickel eine Möhre ins Stroh wirft.

Nur durch Zufall haben wir gemerkt, daß es doch alles ganz einfach ist. Der Sohn ißt, sogar erstaunliche Mengen. Die Herzdame und ich, wir müssen nur danebenstehen und cheerleadermäßig im Duett sehr laut “Einer geht noch, einer geht noch rein!” singen und dazu klatschen. Der Sohn guckt, lächelt huldvoll und schlingt.

Ein Problem weniger. Allerdings verzichten wir bis auf weiteres doch lieber darauf, den Sohn irgendwo außer Haus zu füttern.