Elternzeit (6)

Ein kleiner, dicker Junge mit langen blonden Haaren und einem sehr verheulten Gesicht nimmt meine Hand, guckt zu mir hoch und fragt: „Papa?“ „Nein“, sage ich, „ich bin nicht dein Papa“. Der Junge guckt mich entsetzt an, heult weiter, dreht sich um und geht.

Ein kleines Mädchen mit sehr viel Spaghettisoße an den Fingern reicht mir ein Bilderbuch und sagt sehr bestimmt „Lesen!“. Das Buch heißt „Bald ist Ostern“. Ich sage „Hm, aber jetzt kommt doch erstmal Weihnachten, oder?“ Das kleine Mädchen guckt mich irritiert an, Tränen steigen in die Augen, es dreht sich um und geht weg.

Ein kleiner Junge, dem die Hose in den Kniekehlen hängt und der mit einer Hand lässig in seiner Windel gräbt, guckt mich eine Weile kritisch an, kommt zögernd ein paar Schritte näher und fragt dann: „Mama?“ „Klar“, sage ich, „wenn du willst, bin ich die Mama.“ Der Junge guckt entsetzt, dreht sich um und geht zu der Kindergärtnerin. Flüstert ihr etwas ins Ohr. Die Kindergärtnerin guckt mich seltsam an.

Ich frage mich seit Tagen, wer hier wohl eine Krippeneingewöhnungszeit braucht, der Sohn oder ich.

5 Kommentare

  1. Wie immer köstlich. Und wie viele Eurer Bekannten machen Euch Vorwürfe, weil Ihr Euren Lütten mit einem Jahr schon in die Krippe gebt?

  2. Das Beklemmende an Kinderbehütungsinstituten und daran, was sie mit denn Kindern machen (neben allen Segnungen, die sie dort übrigens auch erleben dürfen), bleibt, bis zur Hortzeit. Und vielleicht auch der Zweifel daran, ob das Kind dort gut aufgehoben ist – solange es Sie trotzdem regelmäßig und normativ hat: es ist.

    Zum Prusten finde ich in Ihrem Bericht nichts. Eher was zum Schlucken.

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