Neu auf dem Nachttisch

Stefan Zweig: Honoré de Balzac. Eine Biographie. Das unvollendete Buch, an dem Zweig bis zu seinem Selbstmord 1942 gearbeitet hat, beginnt so:

“Ein Mann von dem Genie Balzacs, der kraft einer überschwenglichen Phantasie einen vollkommenen zweiten Kosmos neben den irdischen zu stellen vermag, wird nur selten fähig sein, bei belanglosen Episoden seiner privaten Existenz sich immer streng an die nüchterne Wahrheit zu halten; alles wird sich ihm der souveränen umformenden Willkür seines Lebens unterordnen. Diese selbstherrliche Transformierung vieler seiner Lebensepisoden setzt charakteristischerweise schon bei der – sonst unveränderlichen – Grundtatsache einer bürgerlichen Existenz ein: bei seinem Namen. Eines Tages, etwa in seinem dreißigsten Jahr, entdeckt Balzac der Welt, daß er nicht Honoré Balzac, sondern Honoré de Balzac heiße; und mehr noch, er behauptet, nach Fug und Recht von je zur Führung dieses Adelspartikels befugt gewesen zu sein.”

Auswirkungen

Wir wollen nicht verschweigen, daß die Elternzeit Folgen hat, die sich auch auf das Berufsleben auswirken. Denn wenn man sich etliche Wochen lang nahezu ausschließlich mit ein- bis dreijährigen Kindern beschäftigt, dann hinterläßt das Spuren im Hirn.

Ich zum Beispiel betreue in meinem Hauptberuf des öfteren Menschen am Telefon, die mit einer Software nicht weiterkommen und deswegen einen Experten anrufen. Diesen Experten spiele ich. Normalerweise sind diese Telefonate eher kurz und routiniert, ich höre mir an, worum es geht, sehe mir vielleicht auch am Bildschirm eben die Problemlage an und weise dann nur kurz etwas an wie “neue Zahlen eingeben, sichern, dann raus mit dem Ende-Button” oder dergleichen. Nach zehn Wochen Elternzeit neige ich, wie mir selbst auffällt, eher zu solchen Konstrukten: “Hei, da haben sie ja schon schön viele Zahlen eingegeben! Und ganz alleine! Fein! Das können sie aber schon toll. Können sie das auch noch einmal? Klar können sie das! Ich nehme ihnen jetzt mal die Zahlen weg – hui! – und dann machen sie einfach noch ein paar da rein. Gut? Na los, sie Racker, ich bin ja bei ihnen. Ich geh auch nicht weg, nein!”

Es ist ein wenig peinlich, aber man kann wohl wenig dagegen tun. Mit der Zeit wird es sich von selbst wieder geben, nehme ich an. Meine Kollegen sind hoffentlich geduldig genug, das Ende dieser Phase abzuwarten. Die kleinen Strolche.

Elternzeit II

Ich habe in einem Gespräch mit einem Freund erwähnt, daß man, um wieder ein paar Monate Elternzeit nehmen zu können, erst einmal ein weiteres Kind zeugen müsse. Woran man zweifelsfrei merkt, daß auch ich nicht den ganzen Tag erlesen geistreiche Gedanken absondere, aber darum geht es hier nicht.

Der Freund nämlich dachte des längeren nach und sagte dann in skeptischem Tonfall: „Nee, da stehen doch dann Aufwand und Ergebnis in keinem guten Verhältnis.“

Ich habe es mittlerweile wieder aufgegeben, mir das Sexualleben dieses Menschen vorzustellen.

Fördern für Anfänger

Man liest so viel von hochbegabten Kindern und von der Tragödie, die dadurch entsteht, daß gewisse Talente nicht rechtzeitig entdeckt werden. Diese Berichte finde ich vollkommen gerechtfertigt, schließlich bin ich auch hochbegabt und das wurde sogar bis zum heutigen Tage nicht entdeckt, von niemandem. Es ist nicht immer einfach, damit zu leben. Natürlich möchte man aber bei dem eigenen Sohn alles richtig machen und so nahm ich ihn in einer der letzten Stunden der Elternzeit beiseite, um mit ihm ein ernstes Vater-Sohn-Gespräch zu führen.

Ich setzte ihn auf meinen Schoß und gab ihm eines dieser Steckspiele, bei denen man kleine Holzklötze in runder, dreieckiger oder quadratischer Form durch ebenso geformte Löcher in einen Kasten stecken muß, die meisten werden so etwas sicher kennen. “Höre, Sohn”, sagte ich, “solltest du ein Wunderkind sein, so stecke einfach diesen dreieckigen Klotz in das richtige Loch.” Der Sohn nahm den Klotz, leckte ein wenig daran herum und steckte ihn, nachdem er enttäuscht festgestellt hatte, daß er nicht aus Zucker war, quer in das quadratische Loch. Weil er dort nicht paßte, haute er mit beiden Fäusten etwas darauf herum. “Ich will dich natürlich nicht überfordern”, sagte ich, “ich mache es dir vielleicht lieber einmal vor.”

Und ich nahm den Klotz und führte ihn durch das richtige Loch in den Kasten, nahm ihn wieder heraus, steckte ihn wieder hinein, nahm ihn wieder heraus und suchte dann den Sohn, der zwischenzeitlich dazu übergegangen war, interessiert in seinen Bilderbüchern zu blättern. “Konzentration!”, sagte ich und hielt ihm den Klotz hin, “das ist hier natürlich nur ein Spiel. Aber, unter uns gesagt, so ein Ding ins richtige Loch stecken, das können auch minderbegabte Halbaffen drei Tage nach der Geburt.” Der Sohn guckte unwillig von seinem Buch hoch und schob meine Hand weg. Ich rasselte fröhlich mit dem Kästchen, in dem das runde und das viereckige Teil herumpolterten und hielt ihm wieder das dreieckige Exemplar hin. Er nahm den Klotz und ging entschlossen aus dem Kinderzimmer, ich hörte es in einem anderen Teil der Wohnung klappern, dann kam er ohne das Ding zurück und las weiter.

Er hatte, wie ich dann feststellte, den Klotz ins Klo geworfen. Der Junge ist ein Genie.