Das kultivierte Kind

Ich habe in meinem Leben immer viel mit Büchern, Sprache und Schreiben zu tun gehabt, daher freue ich mich natürlich, wenn auch der Sohn Anzeichen von einer gewissen Begeisterung für Schriftgut zeigt, zumal so etwas ja heutzutage dem Vernehmen nach schwer herzustellen ist. Ich glaube aber, er hat trotz seines geringen Alters schon verstanden, daß Bücher einen weiterbringen und oftmals Lösungen für schwierige Probleme bieten.

Anders kann ich mir zumindest nicht erklären, warum er mir morgens, wenn er meint, ich müßte mal aufwachen, neuerdings mit großer Begeisterung ein Buch auf den Kopf haut.

Neu auf dem Nachttisch

Jorge Edwards: Der Ursprung der Welt. Aus dem chilenischen Spanisch von Sabine Giersberg. Der Roman erschien zuerst 1996 und beginnt so:

“Angefangen hat alles am Montag oder Dienstag vergangener Woche, vor dem Bild. Es begann mit einem plötzlichen Gedanken, einer Frage. Eigentlich war es nur ein Scherz gewesen, aber seit letzten Montag nacht, als wir die Leiche fanden, hatte dieser Scherz, den ich nicht vergessen hatte, eine beunruhigende, weniger leichte Färbung bekommen. Eine dunklere, wenn man so will.
“Weißt du was?”, hatte ich Silvia leise gefragt, nachdem ich das Bild im großen Saal mit den Courbets ein paar Minuten lang angesehen hatte.
“Was?”
“Es sieht dir ähnlich.”

Lernen

“In diesem Alter beherrscht ihr Kind etwa zwanzig Wörter…”

Wollen wir mal sehen: “Mama, Papa, Nein, Ja, Wau, Wuff, Muh, Doch, Banane, Müll, Alle, Bah, Nana, Kaputt, Au, Ball, Nase”.

Nur siebzehn. Leider verloren. Dafür kann er bei Youtube-Videos mit der Maus auf Start klicken. Auch nicht schlecht, finde ich.

Neu auf dem Nachttisch

Ivo Andric: Buffet Titanic – Erzählungen. Deutsch von Milo Dor und Reinhard Federmann. Die erste Erzählung darin, “Am Ufer” beginnt so:

“Sie nahmen sich vor, den Fluß zu durchschwimmen. Das war schon zum zweitenmal an diesem Tag.
Die Gruppe nackter, sonnengebräunter Leiber im Sand bestand aus den Schülern des Gymnasiums von Sarajevo, die gerade ihre Ferien in ihrer Heimatstadt an den Ufern der Drina verbrachten. Sie waren alle zwischen der fünften und der siebenten Klasse. Obwohl sie in Sarajevo schon als junge Männer galten, waren sie hier, im Elternhaus lebend, und sich an den Ufern des heimatlichen Flusses ihrer Kindheit tummelnd, wieder zu Kindern geworden; in ihren Spielen, Debatten und Unternehmungen mischten sich seltsam die Lebensäußerungen von Kindern, Knaben und jungen Männern.”

Musikalische Früherziehung

Irgendwann bekommen Kleinkinder unweigerlich Instrumente. Von wohlmeinenden Großeltern, durchtriebenen Freunden oder auch den ahnungslosen Eltern selbst als Geschenk übergeben, bereichern Xylophon, Trommel, Tambourin oder auch Minikeyboard und Klimperphonium künftig den Alltag.

Kleinkinder reagieren in aller Regel begeistert auf Musikinstrumente und halten auch schon einmal verblüffend lange durch, sie zu malträtieren. Das kann, je nach Tageszeit und Situation, außerordentlich anstrengend sein und man kann generell ohne Übertreibung sagen, daß Musikinstrumente in einem Haushalt mit Kind eine Herausforderung darstellen. Und wenn man ehrlich ist und auf politische Korrektheit pfeift, kann man auch ergänzen, daß es tatsächlich Momente gibt, in denen man sich geradezu genötigt fühlt, die Krachattacken der Kinderinstrumente mit roher Gewalt zu beenden.

Ich habe zum Beispiel heute morgen, als ich über das Xylophon des Sohnes stolperte, in einem Anfall von musikalischem Ehrgeiz, der mir ansonsten vollkommen abgeht, des längeren versucht, “Hänschen Klein” darauf zu spielen – und zwar ohne Noten oder andere Hilfsmittel. Nein, alleine! Nur nach Gehör und Intuition! Wobei ich tatsächlich die ersten 20 bis 25 Töne nach einer zugegeben recht langen Versuchsreihe tadellos zusammen bekommen habe und den Einstieg dann ziemlich flott mehrmals hintereinander fehlerfrei spielen konnte – bis mir der entnervte Sohn das Xylophon wegzog und auf den Kopf schmetterte.

Jetzt gilt hier bei der musikalischen Früherziehung, was in gefährlichen Berufen generell gilt: “Wir tragen alle Helm.”