Monolog des Zechprellers

Wir saßen beim Portugiesen um die Ecke und frühstückten, als die Bedienung plötzlich hektisch auf die Straße lief und einen jungen Mann am Jackenärmel hinter sich in den Laden zog, wobei sie schimpfte wie ein Rohrspatz, währen der Mann verwirrt guckte und vehement den Kopf schüttelte. Er hatte, wie die Kellnerin erklärte, vor einer Stunde die Zeche geprellt und war jetzt wieder an dem Laden vorbei gelaufen, also so ja nun nicht, sagte sie aufgebracht und zerrte den Mann zur Kasse. Der stand da, rieb sich die Augen, die seltsam glänzten, sah sich ratlos um und sagte dann:

“Ich bin sehr müde, wissen sie, sehr müde, also nicht nur irgendwie müde, wie es alle mal sind, sondern wahnsinnig müde, richtig wahnsinnig, trotz der siebzehn Tassen Kaffee, die ich heute getrunken haben und Red Bull, das schmeckt ja wohl überhaupt nicht, eben probiert, da drüben, statt Kaffee praktisch, geht schneller, Dose auf und weg, nur schütten, aber der Geschmack! Man ist ja doch an Kaffee gewöhnt irgendwie, wenn man müde ist, richtig müde, ich habe nicht gezahlt, sagen sie, ja, ich weiß nicht, ich bin so müde, da kann das vielleicht mal passieren, sagen sie, wissen sie nicht vielleicht, wo ich Koffeintabletten bekommen kann, also legal, einfach so, weil ich bin zu müde, so geht das nicht, was kriegen sie denn für den Kaffee oder waren es mehrere? Alle siebzehn Tassen habe ich hier aber nicht getrunken. Ich zahl den Kaffee natürlich, sogar lieber als Red Bull und sie wissen wirklich nicht, wo ich Tabletten kriege? Nicht? Was kriegen sie denn für den Kaffee, haben sie das schon gesagt? Was? Wenn ich den nicht bezahlt habe, sind sie eigentlich sicher, daß ich ihn nicht bezahlt habe? So müde wie heute, so müde war ich noch nie. Noch nie! Was kriegen sie?”

Ein klarer Fall eigentlich. Entweder ein Junkie oder ein frischgebackener Vater.

Neu auf dem Nachttisch

Graham Greene: Unser Mann in Havanna. Deutsch von Dietlind Kaiser. Der Roman erschien zuerst 1958 und beginnt so:

“Der Nigger da draußen auf der Straße”, sagte Dr. Hasselbacher am Tresen der Wonder Bar, “der erinnert mich an Sie, Mr. Wormold.” Es war typisch für Dr. Hasselbacher, daß er nach fünfzehn Jahren Freundschaft immer noch die Anrede Mr. benützte – Freundschaft entwickelte sich mit der Langsamkeit und Gewißheit einer sorgfältigen Diagnose. Vielleicht würde Wormold auf dem Totenbett, wenn Dr. Hasselbacher kam und ihm den versagenden Puls fühlte, Jim werden.”

Das gute Gespräch

Da ich nicht davon ausgehen konnte, daß der Sohn meine zarte Andeutung vom Geschwisterchen wirklich verstanden hat, habe ich einen zweiten Versuch gestartet. Immer fair bleiben, dachte ich.

Merlix: „Sohn, hör mal zu, du kriegst ein Geschwister. Super!“
Sohn: [guckt gelangweilt aus dem Fenster und wartet auf spannendere Mitteilungen]
Merlix: „Das wird toll, du bist dann ein großer Bruder!“
Sohn: [bohrt sich im Bauchnabel herum und seufzt]
Merlix: „Mit Geschwistern kann man spielen!“
Sohn: [pustet lustlos Richtung Mobilé]
Merlix: „Spielen! Toll!“
Sohn: [guckt aus dem Fenster und zeigt auf eine Möwe]
Merlix: „Spielen!“
Sohn: „Ball?“
Merlix: „Äh, ja sicher, auch Ball.“
Sohn: [nickt zufrieden und holt für alle Fälle schon mal einen Ball aus der Kiste]

Ich betrachte das dann jetzt als geklärt.

Jahrestage

Familienplanung, diesmal für Fortgeschrittene. Nachdem wir bereits beim ersten Kind die näheren – wenn auch natürlich nicht ganz so nahen – Umstände der Zeugung hier geschildert haben, wollen wir dieses hochspannende Kapitel auch jetzt nicht auslassen.

Diesmal allerdings nichts von Bienchen und Blümchen, diesmal geht es nur um Daten, was wiederum beweist, daß sich die jahrelange Arbeit in einer Finanzabteilung doch irgendwann massiv auf das Privatleben auswirkt. Was ist schon Romantik, Hauptsache, man weiß die richtige Zahl. Wir wissen zum Beispiel, an welchem Datum wir das erste Kind zustande gebracht haben. Und wenn man das schon weiß und sich merkt, dachte ich, dann kann man diesen Jahrestag ja auch irgendwie begehen und wie würde man das besser tun, als indem man die Mutter des Kindes unter munteren Scherzworten wie “an dem Tag ging’s doch schon mal” ins Bett zerren würde. Ganz naheliegend.

Hätte ich etwas länger nachgedacht, wäre ich darauf gekommen, daß Kind 2 auf diese Art exakt den gleichen Stichtag wie Kind 1 haben würde und hätte nicht erleben müssen, wie die Frauenärztin, als sie etwas fassungslos das Datum in den Mutterpaß eintrug, die Herzdame fragte, ob das Leben mit einem Controller nicht sehr anstrengend sei.
Ich denke, man muß es positiv sehen. Sollte das zweite Kind genau wie das erste Kind exakt am Stichtag kommen, haben wir künftig diesen ganzen unsäglichen Kindergeburtstagsaufwand immerhin an nur einem Tag erledigt.

Die Herzdame hat allerdings schon angekündigt, an künftigen Jahrestagen lieber getrennt zu schlafen. Sehr schade.