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Wenn das Kind krank ist und Betreuung braucht, geht ein Elternteil mit ihm zum Kinderarzt. Dort kriegt man, wenn man wegen des Kindes zu Hause bleiben muß, einen Zettel ausgedruckt, den man an die Krankenkasse schicken soll. Und eine Kopie an den Arbeitgeber. Zwei Briefe. Die Krankenkasse schreibt dann einen Brief, zum Beispiel an mich, in dem steht, daß sie einen Brief geschrieben hat. Nämlich an den Arbeitgeber. Vier Briefe. Der Arbeitgeber erhält den Brief von der Krankenkasse und füllt einen beiliegenden Fragebogen aus. Schickt den Brief zurück. Die Krankenkasse schreibt dann wieder einen Brief an mich, daß sie einen Brief vom Arbeitgeber bekommen hat. Dann, Wochen später, überweist sie mir das Geld für die Tage, an denen ich gefehlt habe. Danach schreibt sie mir einen Brief, daß sie mir Geld überwiesen hat. Und dem Arbeitgeber schreibt sie das natürlich auch. Acht Briefe.

Das Kind kann übrigens nach der Genesung nicht einfach wieder in die Kindertagesstätte gehen. Man muß erst noch einmal mit dem Kind zum Arzt, weil es eine Gesundschreibung braucht. Also geht man als gesunder Mensch zur besten Arbeitszeit mit dem mopsfidelen Nachwuchs in die Praxis und läßt sich, man kann es raten, einen Zettel ausdrucken. Und wenn das Kind zur Genesung einen Tag länger braucht als gedacht, braucht man noch einen Zettel, den man dann an die Krankenkasse schickt, die einen Brief schreibt….

Das nächste Schreiben an die Krankenkasse beginne ich am besten mit “Lieber Brieffreund”.

Krisenbeobachtung (2)

Man weiß gar nicht recht, wenn man bei dem Imbiß in der Nähe des Büros auf die Tafel mit den Angeboten guckt – sind “halbbelegte Brötchen” nur falsch geschriebene “Brötchenhälften mit Belag” oder tatsächlich Brötchen mit nur einer halben Scheibe Wurst? Eine Art Rezessionsangebot?

“Rezessionsangebote” gibt es auch in dem kleinen Reisebüro für Busreisen bei uns um die Ecke, und sie heißen da auch so, das Wort steht ganz ausdrücklich in der Werbung, da wo sonst immer die “Polenmarktangebote” standen. Die neuen Angebote führen einen jetzt nach Berlin. Man könnte also wohl mal nach Berlin fahren, zum Rezession gucken. Aber will man das?

Womöglich mit einem halbbelegten Brötchen im Bus, um sich einzustimmen?

Neu auf dem Nachttisch

Und dann gibt es Bücher, die einen gar nicht richtig interessieren – und die man dennoch durchliest, was sicherlich eines der höchsten Komplimente ist, die man einem Autor überhaupt machen kann. “Monsignore Quijote” zum Beispiel, ein sehr später Graham Greene, eine Art Nachspiel zum berühmteren Quijote. Da reist ein Nachfahre von Don Quijote, heute ein katholischer Priester, mit einem Nachfahren des Sancho, heute ein kommunistischer Bürgermeister, durch das Spanien kurz nach der Franco-Ära. Thematisch vollkommen veraltet, der Widerstreit zwischen Kommunismus und katholischer Kirche nicht eben rasend interessant aus heutiger Sicht, Greenes bestes Buch ist es sicherlich auch nicht und die Grundidee erinnert verblüffend an Giovannino Guareschi mit seinem Don Camillo, sicherlich allgemein bekannt – aber nach den ersten zwanzig Seiten ist man doch wie immer bei Greene so im Film, daß man ganz wie in einem Kinosessel einfach sitzen bleibt. Alles lebt, man sieht die Szenen, sieht das Land, warum sollte man nicht mehr über das Post-Franco-Spanien lernen, das Buch ist sehr unterhaltsam – ein netter Spaß. Eines seiner letzten Bücher.

Der Roman erschien zuerst 1982 und beginnt so:

“Es kam so: Padre Quijote hatte bei seiner Haushälterin das Mittagessen bestellt, das er immer allein einnahm, und machte sich nun auf, in einem Konsumladen, der acht Kilometer von Toboso entfernt an der Hauptstraße nach Valencia lag, Wein einzukaufen. Es war einer jener Tage, an denen die Hitze über den vertrockneten Feldern lastet und flimmert, und in seinem kleinen Seat 600, den er vor acht Jahren schon aus zweiter Hand gekauft hatte, gab es keine Klimaanlage. Während er dahinfuhr, dachte er betrübt, daß der Tag nicht fern sei, an dem er sich ein neues Auto zulegen mußte.”

Wochenende

Diesmal mit einem Bild aus der schönen City-Süd, auch Hammerbrook, bzw, Hammerbrooklyn genannt. Und drüben im Westen ist das neue Wochenhoroskop online. Viel Spaß.

Merlix optimiert

Die Mütterschar auf dem Spielplatz vor unserer Haustür wird in diesem Sommer ein gutes Dutzend Kinder zur Welt bringen, durch einen seltsamen Zufall fast durchweg Jungs. Wenn man nachmittags auf diesen Spielplatz geht, sieht man jetzt alle paar Meter nachdenkliche Frauen mit rundem Bauch, die Vornamen murmeln, grübeln, sich fragend ansehen, den Kopf schütteln, weitermurmeln. Zwischendurch ältere Geschwister, die ungefragt sehr seltsame Vorschläge krähen und Väter, die die Vornamen ihrer Väter und Großväter wegen mangelnder Anwendbarkeit verfluchen. Dabei schwankt man allgemein zwischen Offenheit und Geheimnistuerei, einerseits könnte man einen tollen Vorschlag hören, andererseits könnten Namen gestohlen werden.

Ich habe als Mensch, der in Prozeßoptimierung geübt ist, längst vorgeschlagen, das aufwendige Nachdenken in Kleinstgrüppchen einzustellen und alle Kinder einfach gleich zu benennen. Man könnte dann den ganzen Stadtteiljahrgang künftig en bloc behandeln, eine zweifellos sehr praktische Vorstellung. Eis für alle, Rutschen für alle, Schlafenszeit für alle, da lacht das Controllerherz. Auch die Taufe zum Beispiel müßte man nicht zwölfmal teuer einzeln zelebrieren. Ein einmaliger Vorgang mit „Wir nennen dieses Rudel Rudolf“ und fertig.

Seltsamerweise hat den Vorschlag niemand ernst genommen. Was nur wieder beweist: Die meisten Menschen haben einfach keinen Sinn für Effizienz im Alltag.