Neu auf dem Nachttisch

Was für ein wundervolles Buch, was für ein außerordentliches Lesevergnügen. Ich habe eine Vorliebe für Bücher, bei denen man während der Lektüre etwas vor sich sehen kann und hier ersteht das Berlin der Zwanziger Jahre in einer Deutlichkeit auf, da brauchste keinen Film mehr. Kolossal. Verschärfte Leseempfehlung für Irmgard Keun: „Das kunstseidene Mädchen“. Der Roman erschien zuerst 1932 – die Bücher von Irmgard Keun waren im Dritten Reich verboten. Auch der Wikipedia-Eintrag zu ihr sehr lesenswert, übrigens.

„Das war gestern abend so um zwölf, da fühlte ich, daß etwas Großartiges in mir vorging. Ich lag im Bett – eigentlich hatte ich mir noch die Füße waschen wollen, aber ich war zu müde, wegen dem Abend vorher, und ich hatte doch zu Therese gesagt: „Es kommt nichts bei raus, sich auf der Straße ansprechen zu lassen, und man muß immerhin auf sich halten.“ Außerdem kannte ich das Programm im Kaiserhof schon. Und dann immer weiter getrunken -und ich hatte große Not, heil nach Hause zu kommen, weil es mir doch ohnehin schwer fällt, nein zu sagen. Ich hab gesagt „Bis übermorgen.“ Aber ich denke natürlich gar nicht dran. So knubbelige Finger und immer nur Wein bestellt, der oben auf der Karte steht, und Zigaretten zu fünf – wenn einer schon so anfängt, wie will er dann aufhören?“

4 Kommentare

  1. In der Tat ein wahrhaft grosses Buch. Kennen Sie Kästners „Fabian“? Eine wunderbare Ergänzung, Erweiterung der Keun! Meint: OSKAR.

  2. Ich habe mir das Buch vor ein paar Jahren als Hörbuch gekauft. Ein Fehler. Was möglicherweise nicht an dem Buch lag, sondern an Fritzi Haberland, die das so langweilig und betonungslos wie nur möglich vorlas. Überhaupt hat diese Fritzi Haberland so viele Vorschusslorbeeren bekommen, dass mich schon ein Theaterstück im Thalia Theater grenzenlos genervt hat… (off topic)

    Vielleicht bekommt das Buch eine neue Chance. Irgendwann.

  3. Unbedingt auch „Gilgi – eine von uns“ lesen !

    Die Keun spielt wirklich in der selben Liga wie Kästner, und mich schmerzt der Gedanke immer wieder, was sie wohl noch alles geschrieben hätte, wären die Schei*nazis nicht der Ansicht gewesen, Keuns Schilderungen von Frauen entsprächen nicht dem von ihnen propagierten scheinheiligen Ideal des teutschen Weibes.

    PS: Über Irmgard Keun gibt es eine hervorragende Rowohlt-Monographie.

  4. Jetzt wollte ich mich hier für den Buchtip bedanken, das tue ich auch. Ich habe es vorhin bestellt, allerdings als Hörbuch, weil ich es mir auf langen Autofahrten vorlesen lassen will und lese nun von Susanne, daß Frau Haberland das Ganze einfach nur herunterleiert. Jetzt ist meine Vorfreude ein wenig getrübt, vielleicht hätte ich doch das konventionelle Papier-Buch vorziehen sollen.
    Und wenn es den Vergleich zu Herrn Kästners „Fabian“ aushält, dann wäre da eine echte Entdeckung geglückt…

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