Im Vorübergehen

Der Sohn hat einen Luftballon geschenkt bekommen, groß, orange und ziemlich großartig, zumindest aus seiner Sicht. Stolz sitzt er im Buggy und hält ihn in der Hand, während ich mit ihm durch die Stadt schiebe. Er hält ihn gelegentlich hoch und erklärt den Menschen, die uns entgegenkommen und die es ja vielleicht nicht wissen: “Ballum!”

Am Bahnhof passiert, was passieren muß: Ein Luftzug reißt ihm den Ballon aus der Hand. Verblüfft sieht er ihm nach, wie er über die große Straße weht und vom Fahrtwind der Autos hin und hergetrieben wird. Die Unterlippe des Sohnes schiebt sich langsam vor, ein feuchter Glanz ist in den Augen zu erkennen, sein kleiner Zeigefinger folgt bebend dem wirren Flug des Ballons, die Augen werden groß und größer. Ein Junkie, der auf dem Bahnhofvorplatz liegt, rappelt sich hoch. Kaputte Hosen, barfuß, nackter Oberkörper, flächige Ekzeme an den Armen. Wirres Haar, dunkle Zahnstummel. “Warte mal”, ruft er mir zu, “warte mal!” Und er rennt über die Straße, immerhin vier Spuren, dichter Verkehr, wildes Gehupe. Springt zwischen den Autos herum, weicht ihnen aus wie ein Torrero dem Stier, hechtet dem Ballon nach, greift ihn schließlich und kommt lachend damit angelaufen.

Drückt ihn dem staunenden Sohn in die Hand und haut mir im Gehen auf die Schulter: “Muß doch nicht sein, wa, Verluste so früh im Leben. Muß doch nicht.”

Auf den Steinen sitzen

Sarah stand vor der kleinen Asia-Boutique am Travemünder Strand, in der sie schon seit zwei Sommern in den Ferien arbeitete und sortierte sehr bunte Seidenblusen auf einem Ständer. Ich saß auf einem Blumenkübel aus Waschbeton davor und wartete, daß sie Feierabend machte. Ein endloser Strom von Strandrückkehrern zog zwischen uns durch zu den Hotels, es war Zeit für das Abendessen. In meiner Augenhöhe nackte Kniekehlen, die meisten zu alten und dicken Beinen gehörend. Beine in allen verschiedenen Stadien der Bräunung, manche auch in frischem Krebsrot. Krampfadern, Falten, Hängewaden, Stützstrümpfe. Sandige Füße in Sandalen, grell lackierte Fußnägel, hin und wieder Kinderfüße, gelegentlich Tennissocken. Manchmal blieb eine Frau stehen und faßte nach den Blusen, sah nach den baumelnden Preisschildchen und fragte irgend etwas. Sarah sagte Größen, Farben und Preise auf, hielt Blusen hoch, holte andere aus dem Laden. Die letzten Sonnenstrahlen fielen auf die Markise über dem Schaufenster, Sarah stand in rotem Licht. Ihr braunes Haar wirkte rötlich, ihr weißes Top sah rosa aus, Erdbeervanille, lieblich süß. Es war heiß und unter der Markise staute sich die Luft, kein Hauch regte sich auf dieser Hausseite. Die Blusen rochen penetrant nach chemischer Reinigung und Sarah sicher auch, nahm ich an. Vielleicht würde ich es ja gleich noch herausfinden.

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Countdown

Heute morgen, der Sohn und ich wollen Brötchen holen. Wir wohnen im vierten Stock, er drückt den Fahrstuhlknopf und wartet ungeduldig und hüpfend, daß der Fahrstuhl endlich kommt. Rennt johlend rein, als sich endlich die Türen hoffen und schmettert, weil er nicht rechtzeitig bremst, mit dem Kopf gegen die Blechwand. Dreht sich um und guckt unbeeindruckt. Die Türen schließen sich, der Fahrstuhl fährt hinunter. Dritter Stock, zweiter Stock, erster Stock, Erdgeschoß. Die Türen öffnen sich. Der Sohn sagt: “Aua” und faßt sich an den Kopf.

Manche Menschen würden sich Sorgen machen, bei so langen Reaktionszeiten. Ich aber weiß, aus welchem Dorf die Herzdame stammt und welche Menschen da wohnen. Alles im grünen Bereich.

Wochenende

Noch einmal ein Bild aus Nordostwestfalen. Zwei Himmelsrichtungen weniger, im Westen, ist wieder das neue Wochenhoroskop online.

Angemessene Mittel

Ich sitze am Schreibtisch und arbeite, die Herzdame ist mit dem Sohn auf dem Spielplatz. Ich habe gebeten, eine Stunde nicht gestört zu werden, da ich mich konzentrieren muß. Ich versuche ebenso intensiv wie erfolglos zu verstehen, was der Steuerberater mir geschickt hat, außerdem muß ich dringend einen Text korrigieren – da klingelt das Telefon. Es ist die Herzdame.

Ich: Und ich sach noch, bitte nicht stören
Herzdame: DU MUSST SOFORT RUNTERKOMMEN! DEIN SOHN!
Ich: Bitte? Was ist denn passiert?
HERZDAME: SOFORT RUNTERKOMMEN!

Ohne weitere Verzögerung spurte ich zur Tür, hämmere auf den Fahrstuhlknopf, haste dann doch lieber in Sprüngen die Treppe hinunter, stürze mich fast durch die Glastüren im Erdgeschoß, renne zum Spielplatz und bremse in einer Staubwolke vor der Herzdame, die in gelassener Pose an der Sandkiste sitzt, in der der Sohn gemächlich Sand von links nach rechts schaufelt. Ringsum lachende Kinder und dösende Mütter, in den schattenspendenden Bäumen ringsum zwitschern die Vögelein, an der Kirchentür im Hintergrund lehnt der Pfarrer und besieht sich lächelnd die Szene. Ein Bild des Friedens.

Ich: Was zum Teufel ist los?
Herzdame: Er wollte gerade auf die große Rutsche. Ich komme da nicht mehr hoch. Zu schwanger.
Ich: Sonst nichts?!
Herzdame: Nein, sonst nichts.
Ich: Dafür rufst Du mich in dem Tonfall an?
Herzdame: Ja. Sonst wärst Du ja nicht gekommen.

Man kann Nordostwestfalen vieles vorwerfen. Mangelndes Einfühlungsvermögen, kommunikative Verhärtungen, Ignoranz gegenüber anderen Lebensformen, Egozentrik in Reinkultur – alles berechtigt. So sind sie, fraglos. Aber man muß doch zugeben: Es ist immer alles ganz logisch, was sie tun.