Sankt Peter-Ording

Man kann mit dem Auto auf den Strand fahren und kaum haben wir geparkt, steigen der Sohn und sein bester Kumpel schon krakeelend aus, zerren die Sandalen von den Füßen, rupfen Schaufeln aus dem Kofferraum und laufen zum Meer. Die Distanz zum Meer ist hier erheblich, der Strand will gar nicht aufhören, da müssen die kleinen Beine schon ziemlich viel leisten, bevor man dem Meer etwas näher kommt. Aber egal, die Schaufel über den Kopf geschwungen und weiter geht’s. Die Nordsee zieht sich gerade zurück, quer vor der Brandungslinie liegen die letzten Priele und Pfützen, in denen es im Sonnenlicht des Nachmittags goldblau glitzert und funkelt. Die Kinder hüpfen juchzend durch die Pfützen, ihre spitzen Schreie klingen, als würden sie die Lachmöwen imitieren, die über ihnen lässig im Wind stehen. Hin und wieder eine tiefere Pfütze, die beiden fallen lachend und kreischend um, die nassen T-Shirts kleben ihnen am Leib, die Schaufeln stochern hier und da en passant im Sand und wirbeln Muscheln und Tang auf. Weiter vorne das Meer, die große Fläche, das große blaue Leuchten. Die beiden fassen sich an den Händen und laufen darauf zu, auf das ganz große Vergnügen, das Überwasser, das Superbad. Eine kleine Welle, die allerwinzigste Vorhut der Nordsee umspült ihre Füße, das Wasser ist hier kälter als weiter oben in den Pfützen, die Kinderschreie werden heller und greller. Noch ein paar Schritte, noch eine Welle, schon etwas größer. Sie stehen und gucken und sehen: da kommt die nächste Welle. Sie baut sich gemächlich auf, sie sortiert sich, als würde sie die Jungs da vorne aufs Korn nehmen – und dann nimmt sie Fahrt auf. Die beiden gucken mit offenem Mund, die Vorwärtsbewegung jäh unterbrochen, zwei Zeigefinger deuten auf das Kommende vor ihnen: “DA!”. Die Welle macht einen langen Hals, als würde sie über die Kinder hinübergucken wollen, sie rauscht auf sie zu –

und nun wissen wir auch, auf welche Geschwindigkeit die beiden wirklich beschleunigen können, wenn sie vor etwas abhauen. Sehr beeindruckend.

Die Welle, die gerade eben noch an die Fersen der Flüchtenden züngeln konnte, versandete mit dezentem Schäumen. Sie hatte eine kleine rosafarbene Muschel mitgebracht, aber dafür wollten sich die beiden Kleinen partout nicht mehr interessieren. Nicht immer kommen Geschenke gut an.

Husum

Wie immer in Husum Frühstück in einem Café direkt am Hafen. Alle Tische am Fenster sind reserviert, auf jedem steht ein kleines Schildchen mit der Aufschrift: “Reserviert, zehn Uhr, Hansen”. Wir setzen uns an einen anderen Tisch. Nach und nach treffen die Hansens ein. Drei verschiedene Familien, sie scheinen sich nicht einmal zu kennen. Drei Familienrudel, aus jedem geht einer zum Kellner und sagt “Moin, Hansen, wir hatten reserviert”. Der Kellner weist einen der drei Tische an, als wäre klar, welcher Hansentisch für welchen Hansentrupp wäre. “Das glaubt mir wieder kein Mensch”, sage ich zu der Herzdame. Sie nickt.

Der Sohn und sein bester Kumpel, den wir zum Ausflug mitgenommen haben, sitzen neben uns auf Hochstühlen und flüstern miteinander. Dann hauen sie beide auf den Tisch und rufen sehr laut “Bier!” Ungefähr dreißig Hansens sehen uns kritisch an. Wir spielen unbeteiligt mit den Obststückchen, die die Kleinen auf den Frühstückstellern aufgetürmt haben und sehen über die Hansens hinüber zum Hafen und zu den grauen Silos, hinter denen sich weiße Wolkengebirge von der Nordsee her Richtung Binnenland schieben. “Schönes Wetter heute”, sage ich und schiebe den Kindern große Melonenstücke in den Mund.

Nachher nach Sankt Peter-Ording.