Uelvesbüll

Das schreibt sich wirklich so und liegt da, wo nicht mehr allzuviele Touristen vorbeikommen. Schmale Landstraßen durchs Nichts. Eine der Straßen endet am Deich, einfach so, da kann man nur noch aussteigen, auf den Deich klettern und Schafe gucken. Da stand ich eine Weile mit der Herzdame und dem Sohn, der den blökenden Schafen nachlief, ihre Rufe nachmachte und mit dem Wind kämpfte, der ihn weiter ins Binnenland pusten wollte.

Als wir wieder zum Auto zurück gingen hielt gerade ein Wagen aus Darmstadt am Gatter, das Fenster des Fahrers ging runter und ein sichtlich genervter Familienvater fragte uns, mit nur schwacher Hoffnung im Blick: “Kann man da das Meer sehen?”

“Naja”, sagte ich, “ein wenig schon. Ist noch eine ganze Ecke weg und richtig ran wird man nicht kommen, aber prinzipiell: ja.”

“Seht ihr”, sagte der Vater erleichtert ins Wageninnere, “hier geht’s. Die Nordsee. Aussteigen, angucken. Und nehmt die Picknicksachen mit!”

“Och nee, stimmt ja doch wieder nicht.”
“Jaja, erzähl mal.”
“Ich steige hier überhaupt nicht mehr aus.”

Auf der Rückbank die drei Töchter der Familie, in bemerkenswert schlechter Laune. “Fahren Sie doch an die Ostsee”, sage ich dem Vater, “die ist super zuverlässig!”. Der Vater sagt nichts, gestikuliert mir aber wild zu und rollt die Augen, während sich seine Frau neben ihm zurücklehnt, die Arme verschränkt und zischt: “Und ich habs ja gesagt, die Ostsee. Ich habe es ja gesagt.”

“Ja”, sage ich, “da gibt es auch richtige Strände. Mit Sand und so und ohne Deich.”

Ab und zu, finde ich, kann ich ja mal etwas Loyalität gegenüber meiner Ostseeheimat zum Ausdruck bringen.

Wasserkoog

Ein kleines Dörfchen, kurz vor dem Deich. Sehr schnuckelige Häuser, alle liebevoll gepflegt. Altes Gemäuer, das sich heimelig unters Reetdach duckt. Jedes Detail aufwendig restauriert und mit Liebe dekoriert, jede Mauer, jeder Winkel. Kein Fenster ohne Rosenumrahmung, keine Tür ohne frischen Anstrich, kein Briefkasten, der nicht in Stil und Farbe dem Haus angepaßt wäre.
Ganz klar, hier wohnen kaum noch Einheimische, hier residiert der Hamburger mit Geld, diskret zurückgezogen, den Wagen der Oberklasse im Carport versteckt, das unter üppigem Blumenbewuchs nahezu verschwindet.

Kleine Häuser sind das dort, aufgereiht wie in einer Pralinenschachtel, zuckersüß und wunderschön, man möchte vor jedem stehenbleiben und “hach” sagen, zumindest bevor man einen schweren Gemütlichkeitskoller bekommt und sich kurz nach Hamburger Graffiti sehnt. Wenn man eine Bierdose dabei hätte, würde man sie jetzt sehr gerne auf ex trinken in einen Garten kicken, nur um wieder etwas Wirklichkeit zu fühlen. So ein Dorf ist das.

Aber wirklich hübsch.

Man geht die Dorfstraße hinunter, Reetdach, Reetdach, Reetdach. Dann, am Ortsausgang, ein unscheinbares, normales, kleines und eher langweiliges Haus, mit ganz normalem Spitzdach, rote Schindeln, schmucklos, wie überall. Da wohnt, man kann es auf einem Schild an der Straße nachlesen, der Reetdachdeckermeister.

Westerhever

Westerhever, das ist da, wo der berühmte rotweiße Leuchtturm steht, den jeder aus der Bierwerbung kennt. Dieser Spot, in dem sich ein Mann rücklings in die Dünen fallen läßt und die Hintergrundstimme irgendwas von Freiheit erzählt.  Natürlich alles gelogen, Dünen gibt es nämlich bei Westerhever überhaupt nicht. Nix als feuchte Salzwiesen, Deich und Meer. Und Himmel, ungeheuer viel Himmel. Da stehen die Herzdame und ich auf dem Deich und gucken in die Gegend.

Ich: “Meine Güte, sieh dir diesen Himmel an! Nolde nichts dagegen. Was für ein Drama in diesem Wolkengeschiebe! Was für ein Bild!”
Die Herzdame: “Meine Güte, sieh dir diesen Weg an. Alles voller Schafscheiße! Wenn ihr mir das ins Auto tragt, dann gibt es aber richtig Ärger.”

Viele Ehepaare werden sich im Laufe der Jahre immer ähnlicher. Wir beide warten noch auf den Effekt.

Sieversfleth, Regentag

Am Teich quaken die Frösche, der Sohn und sein bester Kumpel sitzen gebannt am Ufer im Regen und sehen ihnen zu. Nackte Füße im nassen Gras, die Zehen greifen Kleeblüten, weggeschleuderte bunte Kindergummistiefel ein paar Meter weiter. Wenn man die Hortensien schüttelt, steht man unter einem Wasserfall, ringsum blaue Blütenblätter. Schnecken im Gras, Nacktschnecken und auch solche mit Haus. Anstupsen, herumwerfen, mehr davon suchen, dem anderen zeigen. Ameisen, Käfer, eine müde Hummel an den Stockrosen. Hagebutten leuchten rot in der Hecke, wenn man kräftig daran zieht, fallen sie ab. Daran riechen, versuchweise hineinbeißen. Lieber doch nicht. Johannisbeeren, schon besser. Sanddorn, aua.

Auf dem Grundstück nebenan gemütlich grasende Kühe, davor Elektrodraht und Stacheldraht, man könnte aber hinüberklettern, sieht ganz einfach aus, plötzlich überall herumbrüllende Erwachsene. Dann eben nicht. Frösche hüpfen in den Teich, da könnte man ja auch…. Hände im Nacken.

Dann doch wieder ins Haus. Durch den Hintereingang rein, durch den Vordereingang raus, Erwachsene merken vielleicht nicht alles. Oder doch.

Äpfel im Gras, noch steinhart, aber zum Herumkullern reicht es. Nasse Füsse, nasse Hose, nasses T-Shirt, auf Dauer ein wenig kalt. Einen Erwachsenen im Trockenen unter dem großen Sonnenschirm suchen, auf einen Schoß steigen, ein wenig Wärme abbekommen. Unter die Plane kriechen, die den Strandkorb hinten im Garten vor dem Regen schützt, sich zusammenrollen, einschlafen.

Der Reiher am Teichrand schüttelt den Kopf und sieht genervt in eine andere Richtung.