Der Experte

Ich sitze mit Sohn II auf dem Sofa, Sohn II schreit. Ich weiß, daß er satt ist, sogar sehr satt, ich kann ihn also leider nicht mal eben der Herzdame übergeben und auf Milchbedarf verweisen. Ich lege Sohn II über die Schulter, ich lege ihn auf den Bauch, ich lege ihn auf den Rücken, Sohn II schreit. Ich gebe ihm einen Schnuller, ich nehme den Schnuller wieder raus, ich stecke ihn wieder rein, Sohn II schreit. Ich massiere seine Füße, ich drücke seine Beinchen, ich stupse seine Nase, ich summe ein Liedchen, ich singe die Marseillaise, Sohn II schreit. Ich schaukel ihn, ich klopfe sacht, ich streichel ihn, ich wiege ihn, Sohn II schreit.

Sohn I kommt vorbei, er ist auf der Suche nach Keksen und nur zufällig im Wohnzimmer. Sieht mir einen Augenblick zu, schüttelt den Kopf. Kommt zu mir, dreht mal eben den Schnuller von Sohn II um eine Vierteldrehung nach rechts, rückt seinen linken Arm minimal zurecht und haut ihm brüderlich auf die Schulter. Sohn II schläft augenblicklich seufzend ein.

Ich will gerade meinen großen Jungen loben, der sich mit seinem kleinen Bruder so unglaublich gut auskennt, da legt der einen Finger an den Mund: “Psst! Schlafen!” Und er zeigt auf den Kleinen, nickt mir freundlich zu und geht weiter, Kekse suchen. Er gibt sich wirklich Mühe, aber er kann auch nicht dauernd auf uns aufpassen.

Neu auf dem Nachttisch

Man muß ja geradezu zwingend ein neues Buch anfangen, wenn man zum Arzt geht, sonst müßte man dort Bunte oder Gala lesen, oder, schlimmer noch, schöne Sachen wie “Neues aus der Orthopädie”. Ein bereits angefangenes und halbverdautes Buch nehme ich nicht gerne mit in ein Wartezimmer, denn wenn ich zu lange warten muß, habe ich es am Ende durchgelesen, ohne ein weiteres dabei zu haben – da tun sich Abgründe auf, für einen risikoscheuen Menschen wie mich.

Heute also dank Hexenschuß neu angefangen: Andreas Stichmann: Jackie in Silber. Zuerst erschienen 2008. Der Band mit Erzählungen beginnt in grandioser Weise mit dem Text “Alleinstehende Herren”, und zwar so:

“Wenn der Nachmittag schwer wird und Schatten aus den Wolken fallen, wenn die Ameisen in Ritzen flüchten, weil es draußen kalt wird, wenn es drinnen warm wird, gehst du raus und kackst hinter die Hochäuser. Aus der Grube krähen Fahrradspeichen, Kühlschrankleichen und Rostgerippe. Ein Hauch von Abenteuer.
Du schreitest durch das pudrige Licht der Laternen, die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Du siehst imaginäre Passanten laufen, grüßt mit dem Nicken eines Generals. Erschrickst, wenn du dich im Schaufenster lachen siehst. Nur selten begegnest du wirklich noch einer späten Oma, die ist dann plötzlich sehr echt.”

Ganz großes Kino, dieses Buch. Wundervolle Sprache, grandiose Bilder. Das wollen Sie auch lesen.

Vorsicht

Die Figur der Frau direkt nach der Schwangerschaft ist ein mehr als heikles Thema. Als Mann und Partner schweigt man am besten dazu, selbst dann, wenn alles bestens ist. Zu leicht wird eine Formulierung mißverstanden oder umgedeutet, die Sensibilität der Frau in dieser Phase kann man gar nicht überschätzen. Daher auch an dieser Stelle nichts mehr zu diesem Thema, ich will lieber keine Risiken eingehen. Vielleicht aber ein ganz kleiner Hinweis noch, nur aus Sicherheitsgründen: Der nächste Mensch, der die Herzdame “na, wann kommt es denn?” fragt, wird eines qualvollen und sehr unnatürlichen Todes sterben. Sagt sie.