Advent

“Das ist ein ganz normales Baby, nur heißt es eben Jesus. Wir müssen jetzt weiter.”

Das sagte eine sehr angestrengt wirkende junge Mutter beim offensichtlichen Versuch, ihren noch sehr kleinen Sohn religionsneutral an der Krippe auf einem Hamburger Weihnachtsmarkt vorbeizuschleifen, während wir dort gerade Sohn I beruhigten, der sich wiederum aufregte, weil das Baby im Stroh unbekleidet war – “nackig nicht gut, zu kalt!”

So ein Weihnachtsmarkt hat ja auch seine ganz eigenen Komplikationen, die man ohne Kinder gar nicht erahnt.

Zwei Zitate

„Hamburg zu einer attraktiven Stadt für Familien mit Kindern zu machen, ist […] ein zentrales Anliegen des Hamburger Senats und der Wirtschaft.“

(Zititert nach hamburg.de, „Allianz für Familien“)

“Ihre Akte faß ich nicht an, die ist mir zu dick.“

(Behördenmitarbeiterin beim ungefähr zwanzigsten Versuch, unseren Elterngeldantrag endgültig zu regeln)

Neu auf dem Nachttisch

Man kann lesen und lesen und lesen, seinen Bildungslücken entkommt man dennoch nicht. Man kann sich lesend durch Jahrhunderte fräsen, durch Gesamtwerke, Epochen und Gegenden – chancenlos. Pierre Loti, zum Beispiel, in Frankreich gegen Ende des 19. Jahrhunderts bekannt wie ein Superstar – mir bis gestern vollkommen unbekannt, nie gehört. Obwohl er sogar in meinem eigenen Regal steht, wo sich allerdings aus meiner Antiquariatszeit noch so manches findet, was es irgendwann zu entdecken gilt. Beim Umräumen von Bücherstapeln zufällig die erste Seite eines seiner Werke aufgeschlagen, reingelesen, festgelesen, so soll es sein. Pierre Loti: Islandfischer – Roman. Aus dem Französischen von Dirk Hemjeoltmanns und Otfried Schulze. Der Roman erschien zuerst 1886 und beginnt so:

“Fünf mit gewaltigen Schultern saßen, die Ellbogen aufgestützt, trinkend in einem dunklen Logis, das nach Salzlake und Meer roch. Der für ihre Statur zu niedrige Raum spitze sich am Ende zu wie eine ausgeweidete Möwe und schwankte leicht und schläfrig unter eintönigem Ächzen. Draußen mußten das Meer und die Nacht sein, aber man spürte es kaum: die einzige Öffnung in der Decke war mit einem Holzdeckel verschlossen, und nur eine alte Hängelampe verbreitete flackerndes Licht.”

Zum Wetter

Man sagt Hamburg nach, eine sehr verregnete Stadt zu sein. Dem ist schwer zu widersprechen, über das Ausmaß des Problems kann man aber natürlich streiten. Man kann Statistiken zu Rate ziehen, man kann sich an das Leben in anderen Städten erinnern, man kann mit Freunden diskutieren, die aus ganz anderen Gegenden kommen. Hamburg im Dauerregen – kann stimmen, kann auch nicht stimmen. Die eigene Wettererinnerung ist eine ausgesprochen problematische Angelegenheit

Man kann aber auch darauf achten, wie kleine Kinder das Wetter hier beurteilen, die haben keine Vergleichswerte, frisch wie sie sind, für die ist alles wahr und absolut, wie es jetzt ist. Zweijährige kommentieren allerdings das Wetter eher nicht, sie nehmen alles so hin, wie es kommt. Es wird früher dunkel, die Blätter fallen von den Bäumen, Nebel über der Alster – alles kein Problem, das ist eben so, das ist keine Bemerkung wert. Es muß schon etwas sehr Spezielles passieren, damit ein zweijähriges Kind etwas zum Wetter sagt – und diese Aussagen sprechen dann auch Bände. Heute morgen zum Beispiel ging ich mit Sohn I aus dem Haus, es war ein warmer, trockener Spätherbstmorgen mit vereinzelten netten Wölkchen vor dunkelblauem Morgenhimmel. Der Sohn stand vor der Tür, den Kopf weit in den Nacken gelegt, sah ratlos nach oben und fragte dann entgeistert: “Wo ist mein Regen?”

Neu auf dem Nachttisch

Und zwischendurch, nach dem mich auch Jakob Hein eher ratlos zurückgelassen hat, etwas zur Belebung: James Krüss. Der Leuchtturm auf den Hummerklippen. Mit kleinen Illustrationen von Jutta Bauer, die Sohn I ganz großartig findet. Wie ich das Buch finde, bleibt mir etwas unklar, da schwingt noch so viel Erinnerung vom ersten Lesen als Kind mit, da ist dann immer alles großartig. Das Buch erschien zuerst 1956 und beginnt so:

“Alle Möwen heißen Emma. Das ist allgemein bekannt. Es gibt nur eine Ausnahme, nämlich die Möwe, die in dieser Geschichte vorkommt. Sie trägt einen anderen Namen. Sie heißt Alexandra. Diese Möwe wohnt zusammen mit drei Freundinnen auf einer kleinen Sandbank in der Nordsee, die so winzig ist, daß nicht einmal ein Haus darauf stehen kann. Niemals kommt ein Mensch hierher und den Vögeln ist es recht. Aber Alexandra bildet auch hierin eine Ausnahme: Sie hat einen Menschen zum Freund, einen alten Mann, der Wächter auf einem Leuchtturm ist.”