Wasserwarm

(Diese Travemündegeschichte schließt direkt an der letzten an, siehe “Auf den Steinen sitzen“)

 

Am nächsten Morgen kam die Sonne nicht durch, über der Ostsee lag ein seltsam milchiges Licht, und es war nicht das kleinste bißchen Wind zu spüren. Es war warm, sehr warm. Die dunstige Luft drückte, und es roch intensiv nach Meer und Regen, obwohl von Regen gar nichts zu sehen war. Wasserwarm hieß das bei uns, wenn so ein Wetter war. Ein Wetter, bei dem es egal war, ob man gerade im Meer war oder draußen, der ganze Tag fühlte sich an, als schwömme man durch warmes Wasser, ganz gleich, was man gerade tat. Manchmal kam für eine Minute ein einzelner, glühender Sonnenstrahl durch, manchmal fielen ein paar Tropfen Regen, aber eigentlich passierte gar nichts. Die Vögel sangen anders als sonst in den Büschen, und durch die seltsame Luft klang ihr Gesang wie der von Tropenvögeln, fremd und ungewohnt. Keiner mochte dieses Wetter, alle sagten sich den ganzen Tag, was für ein komisches Wetter das sei. Komisches Wetter heute, ja, sehr komisch. Nicht Fisch, nicht Fleisch, nicht ihm, nicht ihr, wie Hilde sagte, die mit einem Piccolo auf dem Nachbarbalkon stand und in den hellgrauen Himmel sah. Aus ihrem Apartment hörte man Milva. Sie wiegte sich im Takt und sang mit. Ich lehnte an der Balkontür und tat so, als hörte ich sie nicht. Seit sie sich morgens schon betrank, waren Gespräche mit ihr ziemlich sinnlos geworden, sie fragte mich spätestens nach dem dritten Satz, ob ich endlich gefickt hätte, in meinem Alter hätte sie ja damals schon ein ganzes Wachbataillon durchgehabt, das war noch eine andere Generation, da hat man nicht so lange leidend geguckt, da hat man einfach gemacht, verdammt. Sie fragte jeden Tag, wie es mit Sarah lief, und lachte laut und ordinär, wenn ich ausweichend antwortete.

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