Neu auf dem Nachttisch

Wenn man sich ein klein wenig an Projekten übernommen hat und daher nur noch winzige Bröckchen Freizeit mit Literatur befüllen kann, dann wäre es ja schön, in diesen kostbaren Minuten ein Buch zu lesen, das etwas Ruhe verströmt, Ruhe und Gelassenheit. Ein Buch, bei dem sich das Lesen so anfühlt, als würde man in einem englischen Salon in dem Ledersessel vor dem Kamin versinken, ein Glas Sherry in Reichweite, ein paar sympathische Gentlemen in der Nähe – und einer davon würde sich zu einem setzen und anfangen zu erzählen. Mit einer angenehmen, nach Intelligenz und Welterfahrung klingenden Stimme. Vor den schweren Vorhängen der graue Londoner Winter, aber das wäre dann egal, man hörte nur noch zu, zurückgelehnt und angenehm überrascht.

W. Somerset Maugham: Die halbe Wahrheit. Keine Autobiographie. Deutsch von Matthias Fienbork. Das Buch erschien zuerst 1938 und beginnt so:

„Dieses Werk ist keine Autobiographie und auch kein Memoirenwerk. Was ich im Laufe der Jahre erlebt habe, ist auf die eine oder andere Weise in meine Werke eingegangen. Zuweilen diente mir eine Erfahrung als Thema, und ich erfand eine Reihe von Begebenheiten, um sie zu illustrieren; öfter jedoch habe ich Personen, mit denen ich flüchtig bekannt oder eng befreundet war, als Grundlage für die Figuren meiner Phantasie verwendet. Fakten und Fiktion sind in meinem Werk so eng miteinander verwoben, daß ich heute, im Rückblick, das eine kaum vom anderen zu unterscheiden vermag. Es liegt mir nichts daran, Fakten festuhalten – selbst wenn ich mich ihrer erinnern könnte -, von denen ich bereits besseren Gebrauch gemacht habe.“

Und der letzte Satz, der ist übrigens ein ganz wunderbarer, und von solchen Sätzen kommen dann noch sehr viele.

Ehrgeiz

Das wöchentliche Kinderturnen findet in einer ganz normalen Turnhalle statt, wie sie jeder noch aus der Schulzeit kennt. Mit dem ganz normalen Zubehör, den Bänken, Böcken, Sprossenwänden, den Tauen und Ringen. Mit den Matten, Kästen, Barren, mit allem, was man eben so einsetzt, um Halbwüchsige auf Trab zu bringen. Und ganz oben hängt ein Korb für Basketball.

Für Sohn I ist alles noch etwas überdimensioniert, aber das macht nichts. Eine Sprossenwand kann man trotzdem hochklettern, über einen Kasten kommt man auch irgendwie, auf den Matten kann man Rollen üben und auf den Bänken prima balancieren. So eine Turnhalle kann ein tolles Abenteuer sein. Nur das mit dem Basketball, das ist wirklich etwas schwerer.

Der Sohn ist etwa einen Meter groß, wenn er beide Hände weit nach oben streckt, kommt er vielleicht bis 1,40. Der Korb hängt oben auf gnadenlosen 3,05 Metern Höhe, das Netz weht ganz leicht und lockend im Zugwind. Der Sohn steht ernst vor dem Korb, er hat einen Ball in den Armen und er fixiert das Ziel. Stemmt den Ball nach oben, es ist ein ziemlich großer Ball für so einen Knirps. Er wirft mit wilder Entschlossenheit und vor Kraftanstrengung rotem Kopf. Der Ball plumpst ihm nach nahezu inexistenter Flugbahn direkt vor die Füße und rollt langsam zur Hallenwand, der Sohn rennt hinterher und geht zum Ausgangspunkt zurück. Fixiert den Korb und hebt beide Arme… und wirft, und wirft, und wirft. Eine geschlagene halbe Stunde lang. Es ist ihm gänzlich unmöglich, etwas zu erreichen, aber er macht weiter und weiter – einfach weil er weiß, daß es irgendwann gehen wird. Er hat es gesehen, er hat genau gesehen, daß es geht. Man kann einen Ball bis nach da oben werfen und der Ball kann in dem Korb landen. Wenn es andere können, dann kann er es auch – irgendwann. Man muß eben üben, das weiß man auch mit zweieinhalb Jahren schon.

Man soll ein Kind in so einer Konzentrationsphase natürlich nicht stören, es lernt schließlich gerade etwas und es lernt ganz alleine. Man soll seine Haltung nicht korrigieren, ihn nicht mit Tipps nerven oder ihm gar etwas vorturnen, nur weil man selbst es eben schon kann und manches besser weiß. Man muß auch als Vater einfach mal zurücktreten können, zusehen, abwarten.

Aber das nächste Mal sage ich ihm doch, daß selbst ein Basketball-Star wie Dirk Nowitzki vermutlich gewisse Probleme hätte, wenn er es wie der Sohn dauernd mit einem Medizinball versuchen würde.

Alstereis

Am Tag bevor ganz Hamburg das Eis stürmt. Hinten spiegelt sich die untergehende Sonne in Hochhausscheiben. Ich war natürlich nicht auf dem Eis, es ist ja noch nicht freigegeben, aber ich war so dermaßen dicht dran – wenn da jemand eingebrochen wäre, hätte ich glatt Spritzer abbekommen! Nicht auszudenken. Aber man tut ja alles, für ein gutes Bild.

Theater

Hamburg ist reich an Theatern, in jedem Stadtteil gibt es hier eine Bühne, zumindest wenn man auch die winzigen Varietés, Kulturvereine, Schultheater etc. mitzählt. Ein unüberschaubares Angebot. Staatstheater, Privattheater, teilweise verlockend nah. Das größte deutsche Sprechtheater zum Beispiel, das Hamburger Schauspielhaus, erreiche ich in nur 5 Minuten zu Fuß. Ein bekanntes Haus, ein viel gelobtes Haus, ein schöner alter Bau mit sehr modernen, bestbesprochenen Inszenierungen, die mir allerdings zuverlässig nicht gefallen wollen. Was selbstverständlich an mir liegt, die Fachleute werden sich ja nicht irren.

Überhaupt ist Theater schwer zu bewerten. Ich habe es schon verschiedentlich versucht, darüber zu schreiben, nie ist es mir recht gelungen. Es ist unsäglich schwer, einem Theaterstück in ein paar Zeilen gerecht zu werden. Ich mache aber doch noch einen Versuch.

Das Stück heißt “Müll” und es wird abseits der kulturellen Institutionen aufgeführt, einfach so, an einer beliebigen Straßenecke, wie etwa heute morgen direkt vor unserer Haustür, es hat etwas von Happening und Performance. Es gibt wenig Akteure, die Bühne ist anspruchslos und das Publikum ist klein. Das Publikum ist sogar sehr klein, genau genommen ist es etwa einen Meter groß.

Wir sehen zunächst nur ein minimalistisches Bühnenbild, einen rohen Betonklotz mit blechernen Türen, die im eisigen Morgenwind hin und herschwingen. Der Klotz ist hohl und leer, innen liegen nur ein paar Papierfetzen und eine durchfeuchtete Pizzaschachtel, man erkennt noch den werbenden Schriftzug “feurig” in roter Farbe, eine leise Ironie an diesem bitterkalten Wintermorgen. Man hört Lärm, man sieht orangefarbenes Blinklicht. Das Publikum reagiert schon jetzt enthusiasmiert, mit Vorschußlorbeeren wird hier nicht gegeizt, mit Begeisterung wird immer wieder der Name des Stückes gerufen “Müll! Müll!” Es gibt keine Bestuhlung, das Publikum nimmt einfach auf einem Mauervorsprung Platz und wartet gelassen ab, was noch kommen wird. Noch bevor die unteren Extremitäten komplett an der Mauer festgefroren sind, tritt ein Müllmann auf. Eine lange, hagere Gestalt in signalfarbener Kostümierung, die Hose ist angedeutet verdreckt, die schweren Stiefel knirschen auf dem gefrorenen Schnee der letzten Tage. Das Gesicht ist unter zwei Kapuzen und einer Mütze fast nicht zu erkennen, man ahnt einen Bart, eine Kippe hängt im Mundwinkel, gewaltige Wolken aus Rauch und Atem umwabern ihn. Der Gang ist kräftig, die Arme wirken geradezu überlang, ganz so, als hätte er sein Leben lang Mülltonnen gestemmt. Mülltonnen wie die beiden, die er polternd hinter sich herzieht. Sie sind offensichtlich leer, der Müllwagen muß etwas weiter weg stehen. Die Tonnen hüpfen im Rollen, es wirkt, als wollten sie bocken. Der Müllmann murmelt, man kann es nicht verstehen, vielleicht spricht er beruhigend auf die Tonnen ein, als wären es Pferdchen, die nicht recht wollen. Am Ende spricht man nicht umsonst von Müllkutscher, denkt man sich, während man ihm zusieht. Das Publikum ist elektrisiert und steht schon nach diesem kurzen Auftritt auf, es winkt und ruft, immer wieder, die Stimme kippt vor Begeisterung, “Müll! Müll!”. Und tatsächlich strahlt dieser Müllmann eine Authentizität aus, die einfach beeindrucken muß.

Der Müllmann winkt kurz ins Publikum, soviel Nähe hat man auch nicht bei jedem Stück, diese ironischen Brechungen sind ja wieder ganz aus der Mode gekommen. Hier darf das noch sein! Er tritt die Tonnen kraftvoll in den Betonklotz, tritt einen Schritt zurück und fegt dann mit den behandschuhten Händen noch einmal über den Rand der Tonnen, die dabei dezent klappern; es sieht aus wie bei einem Friseur, der der Kundin noch einmal in die Haare faßt, während die zufrieden danke sagt. Es sind diese kleinen Gesten, diese feinen Details, die eine Inszenierung glaubhaft machen. Dann holt der Müllmann mit beiden Armen weit aus, man kann gar nicht glauben, welche Spannweite so ein Kerl haben kann, er faßt die beiden Metalltüren links und rechts, wirft sie mit Schwung zu und tritt dabei gleichzeitig noch weiter zurück, es liegt eine tänzerische Sicherheit in diesen Bewegungen, als hätte er es tausendmal geprobt. Die Türen knallen mit wuchtigem Scheppern zusammen, der Müllmann dreht sich im gleichen Moment auf den Zehenspitzen um, ganz leicht wirkt er dabei, es ist eine Andeutung von Tanz, ein Pirouettenrudiment – und er nimmt die Hände an die Hosennaht, guckt das Publikum ergeben an und verbeugt sich.

Sohn I, der sich seiner Rolle als mitwirkendes Publikum wohl bewußt ist, strahlt und bebt förmlich vor Freude. Er zieht sich mühsam seine dicken Fäustlinge aus, was gar nicht so einfach ist, wenn man erst zweieinhalb Jahre alt ist, dann drückt er sie mir in die Hand, damit ich sie eben halte, dreht sich wieder zum Müllmann um – und klatscht.

Der Müllmann dankt feierlich und geht ab, mit federndem Schritt, zur nächsten Inszenierung, an der nächsten Ecke, wo auch immer das Publikum wartet. Sohn I hört auf zu klatschen, sieht mich an und sagt “Handschuhe bitte”. Hier wird keine Zugabe erklatscht, hier gibt es keinen zweiten, dritten Vorhang, das ist Straßentheater, kein Staatsakt.

“War gut?” frage ich den Sohn und “super” antwortet der, “super Müll!” Und das Publikum, es hat natürlich immer recht. Es ist DAS Stück der Saison.