Hier wird ausgebildet

In den Fachbüchern über kindliche Entwicklung findet man das Wort „Sprachexplosion“. Es bezeichnet ein überaus faszinierendes Phänomen, das eintritt, wenn das Kleinkind von der stammelnden Forderungssprache („Milch! Banane! Mama!“) recht plötzlich zu ganzen Sätzen übergeht und dann seltsam unvermittelt Vergangenheitsformen gebraucht, in Gedankengängen Bedingungen verschachtelt, komplexe Vorgänge verstehen und wiedergeben kann, sein Vokabular dramatisch erweitert und schlagartig zur Abstraktion fähig ist. Wie wir nun aus eigener Erfahrung wissen, kann diese Steigerung tatsächlich in etwa drei bis vier Wochen erfolgen. Man hatte eben noch ein Kind, das morgens „Hunga!“ rief – und zack, hat man eines, das morgens „möchte bitte Brot mit Lachs, viel und jetzt! Und Tee!“ ruft. Gab das Kind gestern noch alle fünfzehn Minuten ein einsames Substantiv von sich, wird man auf einmal ganztägig zugetextet.

Das erfüllt den Vater, der ein klein wenig sprachfixiert ist, natürlich mit Stolz. Da wird auch das Vorlesen gleich interessanter, da kann man sich austauschen, da kann man den Kleinen auf ganz neue Art belehren und gemeinsam Sprachwelten entdecken. Ich setze mir Sohn I auf den Schoß, nehme eines seiner Bilderbücher und schlage es auf. „Guck mal, ein Eichhörnchen“, sage ich, „was macht es denn da?“ „Nüsse knacken, Nüsse essen. Macht Arbeit.“ antwortet der Sohn, als hätte er schon immer flüssig sprechen gekonnt, es ist die helle Freude. Endlich kann ich aufhören, immer nur stupide auf eine Abbildung zu zeigen und auf eine richtige Nennung zu hoffen, endlich kann man sich über die Bilder richtig unterhalten. „Und wo wohnt das Eichhörnchen?“ frage ich, ohne dabei auf die Höhle im Baum zu zeigen, denn da soll der Sohn ja selbst drauf kommen, man ist ja soweit pädagogisch ambitioniert. „Im Kobel“, sagt der Sohn. „Äh…“ sage ich. Im Kobel?!

Ich: „Kobel? Du meinst Höhle? Nest? Baumloch?“
Sohn: „Heißt Kobel.“
Ich: „Kobel?!“
Sohn: „Kobel. Wohnt Eichhörnchen.“

Ich rufe die Herzdame dazu und frage sie, wo Eichhörnchen wohnen. Sie sagt. sie wohnten in einem Kobel, das hätte sie kürzlich erst vom Sohn gelernt. Ich drücke das Bilderbuch dem Sohn in die Hand und lasse ihn alleine weiterlesen, ich gehe an mein Notebook und schlage Kobel nach. Kobel ist der Fachbegriff für ein Eichhörnchennest, ich habe das Wort noch nie im Leben gehört. Der Sohn ist mir gefolgt und sagt ruhig und mit erhobenem Zeigefinger: „Heißt Kobel.“ Er betont es sorgfältig, damit es auch Unkundige wie ich verstehen können.

Ich frage die Herzdame, wieso der Sohn den Begriff Kobel kenne. Sie sagt, woher schon, aus dem Kindergarten wahrscheinlich, das sei doch vollkommen egal. Ich sage: „Ja wie, egal? Der Lütte weiß mehr als ich und das soll egal sein? Ich arbeite mit Text, ich mach das beruflich! Ich kann mich doch nicht von Zweijährigen belehren lassen! Der weiß nach den ersten hundert Wörtern eines mehr als ich – wo kommen wir denn da hin? Rechne das mal hoch!“ Der Sohn legt eine Hand beruhigend auf mein Knie und sagt freundlich, aber bestimmt: „Heißt Kobel. Jetzt weiterlesen.“

Gut. Man soll sich in Erziehungsfragen nicht aufregen. Mal sehen, was er mir morgen beibringt.

22 Kommentare

  1. Kobel. Wow. Ich bin beeindruckt. Nun gut, man lernt ja gerne dazu. Ich bin somit gewappnet, wenn wir beim Eichhörnchenbuch ankommen.

  2. Kobel. Das habe ich auch schonmal vergessen (Der Heimat- und Sachkundeunterricht ist lang her).

  3. War der Lütte nicht Weihnachten mit dem Vater der Herzdame unterwegs? Ich tippe mal auf jemanden wie den Großvater; die wissen sowas. (Und ich auch, btw. Aber man soll Anderthalbjährige ja nicht überfordern. *g* Wir sind noch beim Zoo und dem Gorilla.)

  4. „Der weiß nach den ersten hundert Wörtern eines mehr als ich“

    Vielen Dank dafür – darüber lache ich jetzt schon seit ein paar Minuten (und habe es zum Anlaß genommen, „Das Buch“[TM] endlich vorzubestellen). 🙂

    „Heißt Kobel. Jetzt weiterlesen.“

    Ist völlig sicher, daß es sich bei Sohn I nicht doch um einen 50jährigen Japaner handelt, der Fliegen mit Stäbchen fangen kann…? Das würde nämlich zweifellos einiges erklären.

  5. Wenn’s beruhigt: Bestimmt hat er es in 20 Jahren wieder komplett vergessen. Was ich mal alles als Kind gelernt hab und nun nicht mehr weiß… kann ich gar nicht alles aufzählen – weil ich’s ja vergessen habe.
    Ansonsten finde ich Sohn I echt total cool. 😀

  6. Wunderbar, danke. Und hier noch passenderweise ein Hinweis auf ein weiteres Eichhörnchenbilderbuch, das SohnI aber trotz seines erstaunlichen Bildungsgrades überfordern dürfte. Ein obskurer Text über das Halten von Eichhörnchen, unwiderstehlich niedlich illustriert von Axel Scheffler, übersetzt von Harry Rowohlt.

  7. Absolut genial!
    Vielen Dank. Ich sehe unseren 2-jährigen Sohn gerade bildlich vor mir, der sich gerade mitten in dieser Phase befindet. ;o)

  8. Anlässlich dieser wunderbaren Anekdote möchte ich auch gleich eine Warnung aussprechen:
    Spätestens ab dieser Phase bekommen Kinder unglaublich viel von dem mit, was Erwachsene untereinander sprechen, und hier vor allem, was über Abwesende gesprochen wird. Leider sagt ihnen ihr untrüglicher Instinkt auch, wer mit diesen Bemerkungen gemeint ist – und es ist keineswegs garantiert, dass dieses Wissen beim Kind bleibt … 😉

  9. „Kobel“ habe ich vor kurzem auch das erste Mal in meinem Leben gehört: von meiner 12-jährigen Herzenstochter. Sie beharrte so sehr auf diesem Wort, dass ich es nicht nachschlagen ging.

  10. Ha, ha! Laut gelacht. Ueber den ganzen Artikel. Jawohl, der Herr Sohn machts richtig, so gehoert sich das. Mein kleiner Enkel, der bis jetzt auch ziemlich uncommunicative war, faengt auch gerade mit voelligen Saetzen an. Meine Tochter und ich wollen Ende des Monats nach Deutschland fliegen, mal sehen, ob er deutsch aufschnappt! Ein bisschen kann er schon.
    Viele Gruesse — und ich verspreche, es wird besser – und lustiger.

  11. Hab herzlichs gelacht! Ist aber Tatsache. Mein kleiner Bruder kannte mit 2 die Namen irgendwelcher Insekten, die ich nur mit „Dingsda“ und „IgittPfuiBäääähWürg“ benennen konnte. Hab dann auch nach geforscht woher die Wörter kommen, aber von der Mama und von unserem Papa schon gar nicht … und Großeeltern gibt es nicht und Kindergarten war zu dem Zeitpunkt auch nicht. Sicherlich war er heimlich im Internet, hat es gegooglet und dann gesagt. Würde mich nicht wundern!

  12. du schreibst wundervoll! werde weiterlesen. – das Phänomen ist bekannt. habe – ebenfalls berufsbedingt und so – von ganz klein auf mit dem Kunikind Synonymwortschatz erspielt, meistens beim Autofahren. Bis es eines Tages mal sagte „Mama ich kenne nur 2 Worte für KRAWATTE.“ So wurde ihr beim Schulreifetest mit 5 Jahren der Wortschatz einer 11jährigen attestiert, was ich zwar etwas hoch gegriffen fand, aber immerhin. Viele Kinder sind heute sprachlich extrem schlecht entwickelt, weil die Eltern sich keine Zeit nehmen (können?)

  13. Oh ich ahne – wir haben das Buch auch: von Ra.vens.bur.ger glaube ich, ein ganz normales Tierbilderbuch für Kinder genau dieses Alters – da steht so was drin. Ein Hoch auf die Lektoren! Daher weiß ich auch schon seit mein Sohn zwei ist, dass Eichhörnchen im Kobel wohnen.
    Und „Das ist kein Zug, das ist ein I-Ce-Eh“ war unser Renner, bevor das Kind noch Mama, Papa und seinen eigenen Namen aussprechen konnte ;-))

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