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Sohn II ist sechs Monate alt, wir sind also in dem spannenden Alter angekommen, in dem man mit der Beikost anfangen kann. Feste Nahrung! Mit Kauen! Immerhin hat er auch schon einen halben Zahn. Schon seit Wochen starrt er uns beim Essen an, als würden wir ihm ungerechtfertigt etwas vorenthalten, schon seit Wochen flammt in seinem Blick eine unverkennbare Gier, wenn er der Familie beim Abendbrot zusieht. Aber Muttermilch ist so praktisch und gesund, Essen macht Dreck und überhaupt ist der richtige Zeitpunkt für erste Fütterung mit anständigem Essen eine unter Experten umstrittene Angelegenheit. Etwas später, etwas früher, man weiß es nicht so recht. Ich glaube jedoch, gestern eine ganz einfach Regel erkennt zu haben, mit der die Frage nach dem richtigen Moment, um zum Brei überzugehen, beantwortet werden kann.

Die Regel lautet: Wenn man mit dem vermeintlich selig schlafenden Baby essen geht und dieses, sobald das Essen auf den Tisch kommt, die Augen aufklappt und mißtrauisch guckt, weil es ahnt, etwas zu verpassen, wenn es dann mit tiefernstem Blick eine Weile lang aus seinem Kinderwagen heraus jeden Bissen lauernd beobachtet, den der Vater da zum Mund führt – und wenn es sich dann unvermittelt mit einem filmreifen Hechtsprung, den man dem kleinen Kerl noch lange nicht zugetraut hätte, vom Schoß der Mutter auf den Tisch stürzt, um beide Händchen in das dort liegende Steak zu krallen – dann könnte man wohl mal allmählich die erste Pastinake pürieren. Wir haben verstanden.

Wochenende

Die Alster taut malerisch vor sich hin, und drüben im Westen ist ein betont frühlingshaftes neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß damit.

Neu auf dem Nachttisch

Ich lehne das Lesen von Sachbüchern ja kategorisch ab. Weil sie nämlich zu gefährlich sind. Wenn ein Sachbuch gut ist, will man womöglich etwas mehr zu dem Thema lesen, wenn das zweite Sachbuch dann auch gut ist, vielleicht sogar noch ein Buch und zack, ist man ein halber Experte.  Ein halber Experte mit dem dunklen Drang, zum ganzen Experten zu werden. Man liest Buch um Buch, verpaßt währenddessen den ganzen Fontane und stirbt als Experte für spätbyzantinische Töpferei. Das ist unschön und abzulehnen. Deswegen lese ich nur Literatur. Dann stirbt man als Experte für Liebesgeschichten, welcher Mensch bei Verstand würde das nicht vorziehen.

Alle paar Jahre mache ich mal eine Ausnahme, ich bin ja nicht verbohrt, ich kann auch anders. Das hat mich jetzt um eine wirklich verblüffende Leseerfahrung bereichert.

Christoph Neidhart: Ostsee- Das Meer in unserer Mitte. Das Buch erschien zuerst 2003 und beginnt so:

„Unsere Fähre, wuchtig wie ein Häuserblock, gleitet in den Morgen, ins glarende Weiß, lautlos, behäbig, an nackten Felsen vorbei, kleinen Inseln. Der Wind hat die felsigen Höcker blank gefegt, den Schnee vom Granit geputzt. Im Dieslicht huscht in der Ferne ein Skilangläufer davon, auf die Ostsee hinaus, übers Eis; nahe beim Ufer rumpelt ein Auto über die gefrorene Bucht. Wir fahren von Ost nach West, von Finnland nach Schweden. Oder von Lettland nach Deutschland, von Liepaja/Libau nach Rostock, von Riga nach Travemünde. Und morgen wieder zurück. Ventspils/Windau ist verbunden mit Västervik in Schweden, Liepaja mit Karlshamm, Litauen mit der Insel Gotland. Von Helsinki geht es direkt nach Travemünde, von Sankt Petersburg nach Stockholm und nach Deutschland. Über ein Dutzend Schiffe legen heute täglich von Tallinn, deutsch Reval, nach Helsinki ab.

Bis 1991 fuhr nur ein einziges.“

Wunderbar poetisch, leicht, farbig und ungeheuer kenntnisreich fügt sich in diesem Buch Reportage an Reportage, die Ostsee erschließt sich einem beim Lesen nach und nach als Ganzes, als Zusammenhang. Mir zumindest ging das erstmalig so, ein ganz erstaunliches Gefühl für einen von der Grenze. Die Ostsee als Kulturraum, als Geschichtsbühne, als Kriegsschauplatz, als geistiger Raum, hier wird nichts ausgelassen und so angenehm schreibt der Herr Neidhardt, ich fand sogar die paar Seiten mit geologischen Erklärungen spannend. Reiseliteratur vom Feinsten, ganz dringende Empfehlung. Mein innerer Atlas hat ein paar weiße Flecken weniger. Auch bestens als Geschenk für die unzähligen Menschen geeignet, die die Ostsee stereotyp als müde Pfütze bezeichnen. Was ja meistens jene Menschen sind, die dann bei Ebbe ratlos an der Nordsee stehen, einen Fuß im Schlick, einen in der Schafkacke. Na, mittlerweile komme ich an beiden Ufern zurecht, Friede den Strandkörben, mir soll’s recht sein.

Eines der besten Bücher der letzten Monate, gar keine Frage.

Kleine Pause

Wir amüsieren uns mal ein paar Tage mit bunten Kinderkrankheiten. Bald weiter im Unterhaltungsprogramm.