Zur Kulturgeschichte der Umwelt und des Spielzeugs

Als ich geboren wurde, 1966, da gab es noch gar keine Umwelt, da nannte man das noch „draußen im Garten“ oder, wenn es um mehr ging, „Gegend“. Als ich Kind war, konnte man draußen noch alles verplempern, versauen, verdrecken, das hat keinen interessiert, es war anscheinend von allem genug da. Genug Wasser, genug Luft, genug Sommer, genug Winter. Umwelt begann für mich als Begriff erst am Bauzaun von Brokdorf, um meine Lieblingsveteranenphrase wieder einmal anzubringen. Ihr dürft das googeln, liebe Kinder.

Als ich Kind war gab es ein Spiel, bei dem man mit einer kleinen Angel bunte Pappfische, Hummer und anderes aus einem Karton-Aquarium angeln konnte. Für die kleinen Fische gab es Punkte, für die großen Fische gab es natürlich mehr Punkte. Für alte Stiefel, die man auch angeln konnte, gab es nichts. Pech gehabt.

Sohn I hat auch so ein Angelspiel, manche Sachen bleiben ja gleich. Oder fast gleich. Ich hatte damals Haken an den Angeln, er hat Magneten. Das macht das Spiel nicht lebensechter, aber egal. Auch bei seinem Spiel kriegt man Punkte für die kleinen Fische und mehr Punkte für die großen Fische. Am meisten Punkte kriegt man heute aber für die alten Stiefel, denn die gehören nicht ins Meer und der kleine Umweltengel muß für sein Aufräumen belohnt werden.

Ich bin ja gespannt, wenn Sohn I bald in das Alter für „Mensch ärgere dich nicht“ kommt. Ob man die Spielfiguren noch einfach wie damals rauswerfen darf – oder muß man erst einen Sozialplan aufstellen?

Neu auf dem Nachttisch

Ina Bruchlos habe ich schon mehrfach auf Lesungen erlebt, daher wußte ich schon vor der Lektüre ihrer Bücher, daß ich sie großartig finden werde. Zum Beispiel „Der Kampf der Mähdrescher – kurze Erzählungen“. Wunderbare kleine Texte mit vollkommen irrsinnigen Gedankengängen. Wenn man nach diesen Texten einschläft, träumt man besonders bunt, was will man mehr von einem Buch erwarten. Tröstlich auch, daß ich nicht der einzige Mensch bin, der sich vor vielen Jahren lange gefragt hat , was dieser seltsame, nach geplatzter Wurst aussehende Aufkleber auf Hamburger Autos eigentlich darstellen soll. Ich komme aus Lübeck, was geht mich da Sylt an, Ina Bruchlos kommt aus dem Hessischen, das ist natürlich noch schlimmer. Das sollten Sie am besten auch nachlesen, es lohnt sich.

Das Buch erschien zuerst 2008 und beginnt so:

„Als ich in einem unüberlegten Moment Chris fragte, ob sie eigentlich je überlegt habe, aus Hamburg wegzuziehen, sah ich in ein überraschtes Gesicht, dessen hanseatischer Mund die Frage formte Warum denn und wohin?

Mittlerweile bin ich lange genug hier, um zu wissen, was den Hamburger in Hamburg hält. Man könnte vereinfacht denken: Hamburg. Nur, was unterscheidet diese Stadt von anderen großen Städten, warum ist es für den Hamburger so unvorstellbar, seine Stadt zu verlassen, und weshalb behauptet der Wetterdienst, die aufkommende Schlechtwetterfront ziehe ausschließlich über die schönste Stadt Deutschlands, so als ob es nirgendwo anders auch regne, als könne selbst der Regen einer so unbeschreiblichen Stadt wie Hamburg nichts ausmachen und selbst wenn es anderswo einmal nieseln sollte, die anderen Städte den Kampf gegen das Wetter verlören, nasser und trister würden, während die Hansestadt in einem Glanz, den nur der Hamburger zu erkennen vermag, erstrahlt.“

Sohn II übernimmt

Man kann sich als Erwachsener nicht richtig vorstellen, was im Kopf eines Kindes vorgeht, das nur sechs Monate alt ist. Es denkt noch ohne Sprache, es gibt sich jedem Affekt hin, die Stimmung schwankt alle paar Minuten und es guckt dabei mit unstillbarer Neugier in diese seltsame Welt, die es mit immer neuen Zauberdingen überrascht, deren Zusammenhänge ihm mehr als rätselhaft sind. In den Augen des Kindes ein immerwährendes Staunen, um den Mund herum eine unverkennbare Bereitschaft, diesen ganzen Irrsinnsbetrieb, den wir Alltag nennen, sehr, sehr lustig zu finden. Ob so ein Baby mehr als nur flüchtige Bilder denkt, ob es überhaupt Zusammenhänge bastelt, mit welchen Gedanken es den Personen und Abläufen ringsum begegnet – wer weiß. Bei einem Einjährigen kommt man allmählich dahinter, wie er tickt, bei einem jüngeren Kind hat man nicht viel Chance. Aber manchmal bekommt man doch einen kleinen Einblick.

Sohn II sitzt und guckt. Er sitzt, wo man ihn gerade hinsetzt und er guckt auf das, was da eben vor ihm ist, denn sonderlich mobil ist er noch nicht. Wenn da vor ihm zufällig sein großer Bruder sitzt, dann guckt er den an, wenn vor ihm eine Winkekatze steht, dann guckt er eben die Winkekatze an. Eine von diesen kleinen Katzenfiguren aus Plastik, die man aus asiatischen Restaurants oder Läden kennt, eine Pfote nach oben gestreckt, in unermüdlicher Bewegung, winkend, winkend, winkend. Rechte Pfote oben steht für Wohlstand, linke Pfote oben für viele Besucher. Falls Sie auch eine Winkekatze zu Hause haben -und wer hätte das nicht – und seit längerer Zeit auf den Geldsegen warten, während gleichzeitig immer mehr entfernte Verwandtschaft auftaucht – prüfen Sie doch einfach einmal, welche Pfote da winkt.

Sohn II sitzt vor der Katze, deren rechte Pfote winkt und winkt, der Sohn guckt zu. Die Augen des Sohnes sind halb geschlossen, er sieht ein wenig wie ein kleiner Buddha aus. Leerer Blick, sanftes Lächeln, entspannte Haltung, in seinen Augen spiegelt sich die Katze und winkt. Der Kleine sitzt ganz still davor und atmet sachte. Dann passiert, was eigentlich nicht passieren soll, die Katze hört auf. Die Pfote wird langsamer und langsamer, dann steht sie still. Die Batterie ist alle, der Schwung ist weg. Sohn II macht die Augen weiter auf und guckt jetzt ganz genau hin. Nichts. Die Katze rührt sich nicht. Dann hebt der Sohn den rechten Arm und fängt an zu winken, erst ein wenig ungelenk, dann immer flotter, nach wenigen Minuten macht er es schon wie ein alter Katzenprofi. Die Katze sitzt vor ihm und guckt zu.

Ein wenig später legen wir den Kleinen ins Bett, er sieht müde aus, so ein Dauerwinkebetrieb ist ja auch anstrengend. Nach einer Weile gehen wir noch einmal in das Kinderzimmer, um nachzusehen, ob er auch wirklich eingeschlafen ist und auch um zu prüfen, was das für ein leises Klopfen ist, das wir seit geraumer Zeit aus der Richtung des Bettes hören. Sohn II liegt auf seinen Kissen, er hat die Augen geschlossen. Sein rechter Arm klopft auf die Bettdecke, er winkt auch im Liegen weiter als wäre er jetzt batteriebetrieben, er winkt und winkt, unentwegt, rhythmisch, glückskatzenhaft.

Er ist erst sechs Monate alt, aber er hat es schon verstanden: Es gibt Jobs, die einfach gemacht werden müssen.

Dialog des Tages

Ich renne meist mit meiner Kamera um den Hals herum, und obwohl es kein sehr edles Modell ist, werde ich doch gelegentlich darauf angesprochen. So auch vorhin von einem anderen Vater aus dem Stadtteil, nennen wir ihn P.

P: „Wo kaufst du deine Kameras?“
Ich: „Bei Amazon.“
P: „Ach?“
Ich: “Ja.“
P.: „Ich kaufe ja nur im Internet. Ist billiger.“

Ladylike

Vor einem Dönerladen am Hauptbahnhof steht eine Gruppe von Jugendlichen im schwer bestimmbaren Pubertätsalter, die Jüngsten sehen aus wie 12, die Ältesten wie 18, die Wahrheit wird irgendwo dazwischen liegen. Außer Form geratene Hormonbomben, die Jungs breitschultrig und verpickelt, die Mädchen aufgedonnert wie bei einer Miß-Feuerwehr-Wahl in irgendeinem unschönen Vorort.

Man streitet sich um Pommes, die einer von ihnen eben aus dem Dönerladen geholt hat, es wird ein wenig geschubst und gestoßen, lautes Lachen, Kreischen, ein paar Pommes landen im Schnee. Sie keifen sich jetzt etwas lauter an, die größeren Jungs stoßen die Kleinsten herum, einer tritt dem Mädchen, das die Pommesschale hält,  schließlich in den Hintern, schwer zu erkennen, ob es noch Spaß ist oder schon nicht mehr. Passanten bleiben stehen und gucken. Das getretene Mädchen weiß nicht recht, wer sie da gerade angegriffen hat, sie fragt ihre Freundinnen und sortiert deren widersprüchliche Aussagen. Dann schlägt sie ohne weitere Verhandlung dem Schuldigen mit einem verblüffend nach Preisboxer aussehenden Schlag so kräftig ins Gesicht, daß der mit Schwung auf dem Boden landet, sich die Nase hält und einen Augenblick stöhnend liegenbleibt. Die Freundinnen lachen beifällig und klatschen, die anderen Jungs gucken irritiert. Der Junge auf dem Boden, der sich langsam wieder aufrappelt, spricht aus, was sie wahrscheinlich alle denken: „Ey Scheiße, bist du verrückt, du bist ein Mädchen! Das kannste doch nicht machen!“

Das Mädchen geht zu dem jetzt Knienden hin, nimmt ihn am Kragen und stellt sehr laut klar: „Ich bin eine Dame, du Wichser!“

Und in dem unschönen Vorort sitzen wahrscheinlich die Eltern und fragen sich, ob es wirklich richtig war, die Kleine am Abend nach Hamburg zu lassen. Man hört ja so viel von aggressiven Jugendlichen, in letzter Zeit.