Alles neu

Ich habe nach zehn Jahren eine neue Brille. Wenn ich mich im Spiegel sehe, steht da ein neuer Mensch. Trüge ich plötzlich rosafarbene Sakkos mit Straß-Applikationen und angenähten Flügelchen, ich könnte kaum fremder aussehen. Es ist, als hätte man mich ausgetauscht. Finde ich zumindest. Als ich vom Optiker nach Hause kam, sah mich die die Herzdame und sagte nichts. „Ich habe eine neue Brille“, sagte ich nach einer Weile. „Ach?“ fragte sie, ohne reges Interesse zu zeigen. Dann sah sie mich für den Bruchteil einer Sekunde an und sagte: „ja.“ Das war alles. Wir trafen befreundete Eltern, Menschen, die ich fast jeden Tag sehe. Sie bemerkten auch nichts. Ich traf die schöne Nachbarin, sie sah nichts. Die Patentante von Sohn I kam vorbei, meine Trauzeugin, mit der ich seit einer Ewigkeit befreundet bin, ihr fiel nichts auf. Der einzige Mensch in meinem privaten Umfeld, der überhaupt etwas zu der neuen Brille sagte, war Sohn I, der mich kritisch ansah und dann fragte: „Wo ist die andere Brille? Ist besser.“ Kinder haben es ja noch nicht so mit dem Geschmack, sie sind bekanntermaßen kaum in der Lage, Schönheit zu erkennen. Außer bei Baggern.

Als ich mit der neuen Brille zur Arbeit  ging und am Büro des ersten Kollegen vorüberging, sah er mich aus dem Augenwinkel und rief mir nach: „Hey, neue Brille! Schick!“ Kurz darauf traf ich einen weiteren Kollegen beim Kaffeeautomaten, er gratulierte mir zum neuen Look und sagte, das wäre ja auch mal Zeit gewesen. Ich ging weiter durch die Abteilung. Schnell war klar: Jeder merkt es. Alle fanden den neuen Look toll.

Ich habe eine neue Brille, die nur Finanzbuchhaltern und grummeligen Kleinkindern auffällt. Vielleicht sollte ich mit dem Optiker noch einmal reden.

19 Kommentare

  1. Jene Menschen, denen die neue Brille NICHT aufgefallen ist, achten halt weitaus mehr auf Ihre inneren Werte. 😉

    [Obwohl, die Sache mit dem rosa Sakko mit Straß tät ich mir an Ihrer Stelle nochmal genauer überlegen. Flügel müssen nicht unbedingt sein.]

  2. oder ist es gar so ein Männer/Frauen/Familien/Kollegen-Ding … also Geschmackssache? Ich (Frau) sage lieber gar nichts, wenn mein Mann mal zu viel modischen Mut beweist, passiert das allerdings meinem Arbeitskollegen, kann ich ihn durchaus dafür loben. Zeigen Sie mal ein Foto, Sie haben bestimmt eine ganze Menge ehrlicher Leser!

  3. Ganz ehrlich? Ich vergesse sogar von guten Freunden, dass sie Brillenträger sind … Freund/Mitbewohner: „Du, hast Du meine Brille irgendwo gesehen?“ ich: „Wie Brille? Was für ’ne Brille denn? Brauchst Du eine?“ Passiert mir öfters, also das Nicht-Bemerken von den lieben, lange bekannten, nahe stehenden Leute nicht persönlich nehmen 😉

  4. @Dentaku: Von innen kein Problem. Die Brille ist aber schmaler als die alte, daher sehe ich nicht mehr, was auf dem Teller vor mir ist. Kann eine Gnade sein.
    @Walküre: Nur rosa kann ja jeder!
    @Julia: Wahrscheinlich muß ich dankbar sein, daß Du „die Graue“ und nicht „das Grauen“ schreibst. Hm.
    @Jamie: Noch kein Bild verfügbar. Muss ja die Herzdame machen, also brauchen wir Zeit zu zweit. You see the problem?

  5. Naja, ich sagte: „Stimmt, jetzt wo Du es sagst. Neue Brille. Schick. Grau. Typveränderung?“ 🙂
    ok, es wäre mir wirklich nicht selbst aufgefallen. Du siehst ja einfach immer gut aus und Brillen sind ja aus guten Gründen durchsichtig gehalten 🙂

  6. sohn I bringt mich immer wieder herzlich zum lachen! 🙂

    &: als brillenträgerin seit dem dem 3. lebensjahr kann ich dir nur sagen, dass das mit dem nicht-auffallen-im-näheren-umfeld normal ist. die schauen da einfach drüber weg, scheinbar.

  7. Bei mir sind es meist die anderen Brillenträger, die eher bemerken, dass ich eine neue Brille habe. Nicht-Brillenträger achten da vielleicht einfach weniger drauf (wenn man nicht ständig so ein Ding auf der Nase hat, ist es vielleicht viel einfacher, das auszublenden).

    Gruß,
    Melanie

  8. ein foto, bitte!
    als hier der freund mit einer neuen brille nach hause kam, staunte selbst das baby. um sie dann mit einem triumphschrei von der nase zu reißen.

  9. Ich weiß, ich sagte das schon: ich finde Sohn I toll. Und Ihre Bemerkung mit den Baggern stimmt. Das weiß sogar sogar eine, die keine Kinder hat, sondern nur reichlich benefft und benichtet ist.

    Und ja: Foto, bitte! Das Problem dabei verstehe ich voll und ganz, das haben wir hier genau so. Zwei Zimmer, zwei Computer, zwei Doppeljobs… „… ach, Sie wohnen auch hier?“

  10. Ich hätte lieber ein Bild von Ihnen im rosa Strass-Sakko. Wegen mir auch gerne mit Flügeln. Ginge das? 😀

  11. Ich tippe auch mal darauf, daß einen die Leute, die einen gut kennen einfach nicht mehr so genau anschauen. Ich war neulich beim Friseur und kam mit einem Oberlippenbart wieder und meine Frau hat es erst nach zwei Tagen gemerkt. Dann fand sie es aber schwer scheußlich und ich habe das Ding wieder entfernt.

  12. Mittlerweile habe ich eruiert, daß Brillen von dem Designer, der auch meine entworfen hat, u.a. von Madonna, dem König von Marokko und Torsten Frings getragen werden. Ich bin mir aber nicht ganz sicher, was mir das sagt.

  13. Als ich nach 18 Jahren von Brille auf Kontaktlinsen wechselte begrüßte mich eine Freundin, musterte mich irritiert und fragte dann: „Sag mal, warst du beim Friseur?“

    Und die war nur die erste. Ich fand es damals faszinierend und finde es jetzt noch: Die Brille im Gesicht meines Gegenüber ist so sehr ein Teil von ihm, dass das Gehirn manchmal sehr lange braucht, bis es wirklich schnallt, was sich verändert hat.

  14. Ich erinnere mich noch als ich das erste mal mit
    Brille einer ebenfalls bebrillten Kollegin gegen
    übersass und die gar nichts sagte. Erst als ich
    die Brille mal kurz abnahm und gleich wieder auf
    setzte fragte sie mich, ob ich eine neue Brille hätte.
    Ein anderes mal fragten mich Leute nach meiner Brille, die ich eigentlich immer aufhabe, seit
    wann ich denn eine Brille hätte.Die waren ganz
    erstaunt, als ich ihnen sagte, dass ich die Brille schon seit Jahren immer aufhabe.
    Ansonsten reagieren am ehesten Brillenträger auf
    eine Brille.

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