Damals – heute

Man tut sich immer etwas schwer, sich an Zeiten zu erinnern, als man noch ein sehr, sehr kleines Kind war. Aber ich glaube doch, es war ungefähr so: Wenn ich hingefallen bin und mir etwa ein Knie aufgeschlagen habe, habe ich solange herumgebrüllt, bis die nächstbeste zuständige Erwachsenenperson das Knie bepustet oder sonst irgendwie versorgt und mich getröstet hat. Je länger ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich, daß es so war.

Heute ist anscheinend irgend etwas grundsätzlich anders, ich weiß nicht einmal, woran es liegt. Ich kann an einem Beispiel veranschaulichen, was ich meine. Sohn I, noch keine drei Jahre alt, rammt im Herumtoben ein Möbelstück und hat einen blutigen Kratzer auf der Wange. Er hält an, geht zum Spiegel und stellt fest: „Hab ich Kratzer.“ Dann geht er ins Bad, zieht sich einen Hocker ans Regal, steigt rauf, holt den Medizinkorb runter, wühlt etwas herum, nimmt die Heilsalbe, schraubt sie auf, schmiert sich etwas davon auf den Finger und dann auf die Wange. Betrachtet angewidert seinen Finger und schiebt den Hocker zum Waschbecken, um sich die Hände zu waschen. Schiebt ihn wieder zurück, um die Salbe ordnungsgemäß wegzulegen. Geht zum Spiegel, begutachtet die versorgte Wunde und stellt zufrieden fest: „Hab ich Kratzer becremt.“ Dann geht er weiter toben. Meine freundliche Frage, ob ich mal pusten soll, nimmt er nicht einmal zur Kenntnis.

Ziehen die Kinder heutzutage eigentlich schon mit etwa sechs Jahren zuhause aus? Bis dahin dürften sie wohl alles können, was man dazu braucht.

12 Kommentare

  1. Ein Glücksfall. Ich muss traditionell Pusten, trösten und Pflaster kleben (wobei: ich habe unser Töchterchen dabei beobachtet, das Geschrei recht schnell wieder einzustellen, wenn sie keinen Erwachsenen in der Nähe wähnte).

  2. Ich kann meinem Vorredner nur zustimmen. Mein Sohn (7) schreit, kommt angerannt, sagt: „Ich habe mich schlimm verletzt, ich blute!“, zeigt seinen winzigen Kratzer, der kaum zu sehen ist, lässt sich trösten, pusten, aber bloß keine Salbe, aber ein schickes Pflaster, das natürlich ein Erwachsener draufkleben muss. Danach verlangt er, zum Arzt gebracht zu werden.

    Vielleicht hat Sohn 1 von jemandem ein stoisches Naturell und den Willen zur Unabhängigkeit geerbt, ansonsten habe ich bei der momentanen Kindergeneration eher das Gefühl, dass die mit 30 auch noch nicht ausziehen…

  3. Nee, ich hab auch eher den gegenteiligen Eindruck. Als Lehrerin einer dritten Klasse fühle ich mich manchmal bemüßigt zu sagen: „Ich bin eure Lehrerin, nicht euer Krankenhaus!“
    Manche Kinder hyperventilieren fast, nur weil sich ein roter Striemen gebildet hat, nachdem sie ans Klettergerüst gestoßen sind.
    Viele Grüße von einer von Ihnen gut unterhaltenen Leserin.

  4. @Dentaku: Stimmt!
    Gefühlte 1001 mal beobachtet:
    1.Kind fällt hin, guckt sich um, ob ein Erwachsener (bevorzugt: Bezugsperson) es gesehen hat.
    Wenn nicht,
    2. steht es auf und läuft fröhlich weiter.
    3. Treffen die Augen den Blick einer Bezugsperson, kommt’s auf deren Reaktion an: guckt sie entsetzt, dann
    4. Drama.
    Reagiert sie neutral, belustigt oder gar nicht, dann 2.
    Außer natürlich, wenn es WIRKLICH schlimm ist. Shit happens.

  5. Nun, anders als die meisten Löwen beispielsweise brüllen bzw. heulen Jungfrauen meist nicht wegen jeden kleinen Kratzers. Wir heben uns den großen Auftritt für die wirklich tiefen Wunden auf, die das Leben uns so schlägt.

  6. Meine Erst-Dekaden-Jungfrau (7 Jahre alt) beherrscht das Drama perfekt. Es hat mich Jaaaahre der konsequenten Erziehung gekostet, nicht bei jedem Kratzer zum Arzt zu müssen!

  7. So leicht komm ich nicht davon. Bei meinem muss erst gepustet werden, dann muss man „Heile, Heile, Segen“ singen, anschliessend wird manchmal noch „Häschen in der Grube“ fällig und in Extremsituationen auch noch ein Bonbon oder Stück Schoki. Kann ich deinen und meinen Sohn (2.5 Jahre) mal zusammenbringen? Entweder guckt sich deiner was ab, dann habe ich nichts verloren oder meiner guckt sich was ab, dann habe ich was gewonnen!

  8. So agieren nur Kinder, die sich ihrer Eltern sicher sind und die wissen, dass auch wirklich jemand da ist, wenn es hart auf hart kommt.

    Es tut gut, solche Geschichten zu lesen.

  9. Wie was Wundsalbe? Leicht verweichlicht, Ihr Herr Sohn, was?

    Mein eigener nicht mal Zweijähriger steckt inzwischen alles, was nicht doll blutet, mit einem Achselzucken weg. Schwerere Stürze stellt er allerdings gern für die noch immer zittrigen Eltern, die Augenzeugen waren, in Zeitlupe und mit Kommentaren versehen nach („Hier hingefallen, Stuhl fall um, Kopf aua, dann aua Arm…“).

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