Mit Charme durch die Stadt

Sohn I trifft den Pastor unserer Gemeinde auf der Straße und fragt ihn grußlos, warum er draußen herumläuft. Dann weist er ihn streng darauf hin, daß er in die Kirche gehört. Er zeigt eifrig auf die Kirche, für den Fall, daß der Pastor seinen korrekten Aufenthaltsort plötzlich vergessen haben sollte: „Da rein!“. Noch während der Pastor verblüfft guckt, denkt der Kleine mit einem kritischen Blick auf die Begleitung des Pastors laut nach und möchte dann von mir wissen: „Ist das Frau von Pastor? Oder seine Mama?“

Wir gehen zum Bäcker und stellen uns an, die Schlange vor uns ist ziemlich lang. Als wir endlich dran sind, hebe ich den Sohn hoch, damit er selber bestellen kann, denn normalerweise weiß er, was er will. Heute erklärt er allerdings der Verkäuferin, daß er jetzt doch lieber in den benachbarten Bioladen möchte, weil da nämlich alles besser schmeckt.  Alles. Vor allem aber die Franzbrötchen. Sicherheitshalber dreht er sich auch noch zur hinter uns wartenden Kundschaft um und stellt gut hörbar für jedermann klar: „Franzbrötchen hier nicht gut. Drüben besser.“

Wir gehen zum Bioladen, wo eine freundliche Frau gerade winzige Schnittchen verteilt, damit man einen neuen Frischkäse probieren kann. Der Sohn freut sich, weil er genau wie die Erwachsenen etwas gereicht bekommt. Als guter Tester teilt er der Dame auch gleich mit, wie es schmeckt: „Ekelig. Ganz ekelig! Kann man das nicht essen.“

Es gibt Tage, da braucht man für sein Kind einen Waffenschein.

Neu auf dem Nachttisch

So großartig ich Wolf Haas auch finde, er hat doch einen gewaltigen Nachteil. Wenn man nämlich selbst schreibt, ist es fast unmöglich, Haas zu lesen ohne hinterher in seinen Stil zu fallen, quasi schwere Haasifizierung. Dummerweise würde jeder sofort merken, daß man gerade Haas nachmacht, so etwas kann also nicht stehenbleiben, von dem Trip muß man irgendwie wieder runterkommen. Da braucht man etwas zum Nachspülen, eine stilistische Geradeaus-Einheit, einen literarischen Aquavit. Georges Simenon, was sonst.

„Die Ferien des Monsieur Mahé“, deutsch von Günter Seib, erschien zuerst 1946 und beginnt so:

„Er zog die Brauen zusammen. Klemmte er womöglich auch wie ein Erstkläßler die Zungenspitze zwischen die Lippen? Mit einem Flunsch und mürrischen Blicks beobachtete er verstohlen Gène und war bemüht, es ihm so exakt wie möglich nachztutun.

Umsonst. Irgendwas klappte nicht, denn das Ergebnis war dasselbe. Er war ehrlich genug, sich das einzugestehen, und hartnäckig genug, seine Ungeduld zu bezähmen. Er ließ die Hand genau wie Gène über den Bootsrand hängen, nicht höher, nicht tiefer, ganz unverkrampft; er hatte sofort begriffen, daß Anspannung schlecht war. Nur mit dem Zeigefinger lupfte er sacht die Hanfschnur der Handangel, die die Leute hier boulantine nannten.

An der Schnur lag es auch nicht. Gène hatte genau die gleiche.“